Göppingen Patientenforum: Methadon in der Krebstherapie

Aus Zufall habe Dr. Claudia Friesen entdeckt, dass das Schmerzmittel Methadon die Wirkung von Chemotherapien steigern könne. Sie sprach im Vortrag über ihre Forschungsergebnisse.
Aus Zufall habe Dr. Claudia Friesen entdeckt, dass das Schmerzmittel Methadon die Wirkung von Chemotherapien steigern könne. Sie sprach im Vortrag über ihre Forschungsergebnisse. © Foto: Giacinto Carlucci
Göppingen / Annerose Fischer-Bucher 15.10.2018
Ist Methadon wirksam in der Krebstherapie? Unter anderem diese Frage war Thema beim Patientenforum der 21. Südwestdeutschen Schmerztage zu „Wirkungen von Schmerzmitteln“.

Bei Tagungen erlebe ich immer wieder, dass sich die Gegner unter den Kollegen zur Krebsbehandlung mit Methadon wie folgt äußern: Wenn sie selbst betroffen wären, würden sie es probieren.“ Dies sagte Dr. Gerhard Müller-Schwefe, der Wissenschaftliche Leiter der 21. Südwestdeutschen Schmerztage, die am Freitag und Samstag in der Göppinger Stadthalle stattfanden.

Beim begleitenden und gut besuchten Patientenforum sprach der Präsident der Deutschen Schmerzliga, Dr. Michael Überall aus Nürnberg, über sogenannte einfache, frei verkäufliche Schmerzmittel mit der Fragestellung, ob „einfach“ Harmlosigkeit Wirkungslosigkeit und Unschädlichkeit bedeute. Der Referent verneinte dies.

Die Ulmer Forscherin Dr. Claudia Friesen, Leiterin des molekularbiologischen Forschungslabors am Institut für Rechtsmedizin der Universität Ulm, war von Müller-Schwefe zum Thema D,L-Methadon und seiner Wirksamkeit in der Krebstherapie eingeladen worden. Sie hatte eher aus Zufall entdeckt, dass das Schmerzmittel Methadon im Reagenzglas die Wirkung einer Chemotherapie steigert. Friesen hatte dann weitere Forschungen angestellt, die für viele Krebsarten das gleiche Ergebnis erbrachten.

Die Krebszellen, die ein Zytostatikum wieder herauspumpen und damit weniger aufnehmen, hätten weniger abgegeben und mehr aufgenommen. Sie erklärte die Untersuchungsbedingungen und den Wirkmechanismus über Rezeptoren, wie Methadon auch Tumor-Stammzellen zerstören könne und gleichzeitig gesundes Gewebe geschont werde. Auch in Tierexperimenten mit Mäusen habe man zeigen können, wie bei Leukämie das Tumorwachstum durch Methadon drastisch zurückgegangen sei.

Es gebe inzwischen weitere Forscher, die ihre Ergebnisse bestätigt hätten. Sie stellte die Geschichte von zahlreichen Patienten vor, die austherapiert gewesen seien und denen Methadon geholfen habe, sogar wieder in den Beruf zurückzukehren. Allerdings dürfe man das Mittel nicht absetzen, weil man nicht wisse, was dann passiere. Friesen berichtete auch von dem Gegenwind, der ihr entgegenschlage. „Ich möchte endlich durch Studien einen evidenzbasierten Beweis, damit der Gegenwind aufhört.“  Deswegen fahre sie in der kommenden Woche mit 50 000 Petitionsunterschriften im Rücken nach Berlin, um im Bund bei den zuständigen Stellen um Forschungsgelder zu werben. Auf die Frage eines Besuchers, warum die Mehrheit der Onkologen diese Behandlung ablehne, sagte Friesen, es gebe Interessenskonflikte. Je billiger ein Medikament sei, umso weniger bestehe ein Interesse an Studien. Methadon, das nach einer bestimmten Rezeptur hergestellt wird, koste nur 20 bis 30 Euro pro Monat, während etwa eine Immuntherapie in die Tausende gehe. Den Vorwurf, es sei nicht genügend untersucht, konterte sie mit der Aussage, dass viele Chemotherapien auch nicht ausreichend untersucht seien. Müller-Schwefe sagte, inzwischen gebe es ein Netzwerk von etwa 150 Ärzten, die Patienten individuell mit Methadon behandelten.

In einem weiteren Referat behandelte Dr. Michael Überall die Gefahren von frei verkäuflichen Schmerzmitteln, an denen jedes Jahr etwa 2000 Menschen „einen leisen Tod“ sterben würden. In Deutschland werden jährlich 150 Millionen verkauft, die „eine tickende Zeitbombe“ seien. Er besprach die sieben Wirkstoffe, die in 1742 Medikamenten von etwa 800 Pharmaunternehmen hergestellt würden und die zwei Drittel der über 70-Jährigen wegen Kontraindikationen gar nicht bekommen dürften. Schon bei mehr als vier Medikamenten seien die Wechselwirkungen nicht untersucht. Sein Fazit: Die Lösung ist nicht, bei Schmerzen nichts zu nehmen, sondern sich nicht selbst zu behandeln. 

Kontakt Das Schmerz- und Palliativzentrum und Dr. Gerhard Müller-Schwefe, Schillerplatz 8/1, 73033 Göppingen sind erreichbar unter der Tel: (07161) 976-45 oder info@mueller-schwefe.com und die Deutsche Schmerzliga Frankfurt (Selbsthilfeorganisation für Patienten) unter der Tel.: 069-138 280 22 und info@schmerzliga.de.

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