Göppingen / LUISA WELLERT  Uhr

Oh mein Gott, da muss ich nachher hin“, ruft eine Göppinger Passantin begeistert, als sie ihn in der oberen Marktstraße im Vorbeigehen entdeckt. Gemeint ist der öffentliche Bücherschrank, der seit Ende vergangenen Jahres vielen Lesefreunden ein Lächeln ins Gesicht zaubert. Er lädt zum Schmökern, Ausleihen und Verschenken von Büchern ein. Obwohl der Schrank ohne Beaufsichtigung verwendet werden darf, gibt es einige Regeln, die beachtet werden müssen. Zum Beispiel bei den Themen der Bücher: Von Fantasy- bis hin zu Kochbüchern und Zeitschriften findet alles seinen Platz. Nichts davon darf aber die Menschenwürde auf irgendeine Art und Weise verletzen.

Ehrenamtliche Bücherpaten haben sich unter der Leitung von Christina Horn dazu bereit erklärt, jeden Tag vorbeizuschauen, um dafür zu sorgen, dass alles ordentlich verstaut und sortiert ist. Dabei unterstützt sie teilweise auch das Ordnungsamt der Stadtverwaltung.

„Der Bücherschrank ist auf jeden Fall eine gute Sache“, bestätigt Jutta Hagedorn, die regelmäßig Bücher vorbei bringt. Eine andere Passantin „will immer wieder neuen Lesestoff haben“, liefert aber auch ständig Nachschub, denn bei ihr „zu Hause liegen die Bücher sowieso nur herum“.

Die Göppinger sind stolz. Walter Scheck, der Initiator des Projekts bezeichnete die Innenstadt in seiner Einweihungsrede als die „öffentliche gute Stube“, die wie jedes richtige Wohnzimmer nun auch einen Bücherschrank hat. Schon seit Jahren war die Idee für einen solche Einrichtung in Göppingen präsent. Vorreiter wie die Stadt Kirchheim haben die Macher dazu inspiriert.

Eine ehrenamtliche Planungsgruppe erarbeitete zunächst Vorschläge und wählte den Standort des Bücherschranks aus. Geduld und beharrliches Dranbleiben waren notwendig, um das Projekt voranzubringen und zu verwirklichen. „Das städtische Tiefbauamt bestand darauf, dass der Bücherschrank eine Spezialanfertigung sein müsse“, erzählt Scheck. „Die Kosten beliefen sich auf etwa 10.000 Euro. Da der von der Stadt vorgesehene Betrag dafür nicht ausreichte, steuerte der Vorstand des Lokalen Bündnis für Familie Göppingen aus eigenen Etat weitere 2800 Euro bei“, berichtet Walter Scheck. „Der Bücherschrank wird von Zulieferern fleißig bestückt und von Abnehmern ebenso fleißig in Anspruch genommen“, stellt der Leiter des Projekts zufrieden fest. Der Bücherschrank sei bisher zum Glück von Vandalismus verschont geblieben.

Allerdings hat man wohl schon öfter beobachtet, wie Passanten ganze Taschen voller Büchern mitnehmen. „Sogar mit dem Handwägele kam mal einer und hat regelrecht abgeräumt“, berichtet Walter Scheck. Daraufhin wurde vor Kurzem ein deutlich lesbarer Hinweis angebracht, dass die Bücher nicht für Flohmärkte oder ähnliche Erwerbszwecke entnommen werden dürfen. Die Macher hoffen nun weiterhin auf einen respektvollen Umgang mit dem Bücherschrank, um die neue Errungenschaft Göppingens zu würdigen und noch lange Freude daran zu haben.

Manche Bücher erzählen mehr

Geschichten: „Es kann interessant sein, ein bereits gelesenes Buch in die Hand zu nehmen und zu spüren, dass es eine eigene Geschichte hat“, schwärmt Walter Scheck. „Solche Bücher erzählen nicht bloß das, was in ihnen gedruckt ist. Vielleicht steht der Name des Vorbesitzers vorne drin, vielleicht lesen wir eine Widmung‚ vielleicht sind Textstellen angestrichen oder mit Anmerkungen versehen, vielleicht fällt auch mal eine alte Postkarte heraus, die einst als Lesezeichen verwendet wurde.“