Göppingen Odeon droht das Aus

Noch weht die Odeon-Fahne vor dem Alten E-Werk in Göppingen. Doch wie lange noch? Im November soll über die Auflösung des Vereins entschieden werden – aber Retter organisieren sich bereits, das erste Treffen findet am 8. Juli statt.
Noch weht die Odeon-Fahne vor dem Alten E-Werk in Göppingen. Doch wie lange noch? Im November soll über die Auflösung des Vereins entschieden werden – aber Retter organisieren sich bereits, das erste Treffen findet am 8. Juli statt. © Foto: Giacinto Carlucci
Göppingen / Dirk Hülser 26.06.2018
Nach 32 Jahren sehen die Macher der Kulturinitiative für die Zukunft schwarz. Vorsitzender Ege zieht sich zurück.

Kampflos wollen sie nicht aufgeben: Am 8. Juli treffen sich Mitglieder der Göppinger Kulturinitiative Odeon, um in einem Initiativkreis die Chancen für den Fortbestand des renommierten Vereins auszuloten. Denn nach 32 Jahren steht es schlecht um Odeon: Der Vorsitzende Klaus Ege (72) und viele seiner Mitstreiter ziehen sich zurück, die Zuschauerzahlen gehen zurück, Einnahmen brechen weg – bei gleichzeitig steigenden Kosten.

„Die Zukunft des Vereins ist also unklar, eine mögliche Auflösung wird diskutiert“, heißt es in der Einladung zu dem Treffen am 8. Juli. Auch Klaus Ege hat einen zweiseitigen Brandbrief an die rund 400 Vereinsmitglieder geschrieben. Am Ernst der Lage lässt er keinen Zweifel: „Wir werden auf einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im November entscheiden, ob wir den Verein Odeon Kultur & Kontakt e. V. auflösen müssen, oder ob er in neuer personeller Besetzung und eventuell mit neuer Konzeption weitergeführt werden kann.“

30 Jahre lang sei die Arbeit des 1986 gegründeten Vereins eine Erfolgsgeschichte gewesen, schreibt Ege. Populäre Stars hätten Nachwuchskünstler mitfinanziert, „wir konnten uns erlauben, kulturelle Angebote fern des Mainstreams anzubieten“. 2017 dann die Trendwende: „Wir hatten rund 1800 Besucher weniger als im Vorjahr.“ Im ersten Halbjahr 2018 sei es auch nicht besser gewesen. Soweit Eges Bestandsaufnahme.

Der Vorstand habe eine ganze Reihe von Gründen für die Misere ausgemacht. Die alten Haudegen der Kabarettszene hätten ihre Karrieren beendet oder bevorzugten größere Hallen. Damit breche die wichtigste Einnahmequelle weg. Thema Brandschutz: Statt früher 300 dürfen jetzt nur noch 260 Zuschauer ins E-Werk. Somit zähle Odeon nun bei vielen Agenturen zu den „kleinen“ Anbietern. Mit Nachwuchskünstlern würden „im günstigsten Fall“ nur die Kosten eingespielt.

Das Publikum sei älter geworden und gehe abends nicht mehr so gerne aus dem Haus. Die Zielgruppe der 35- bis 45-Jährigen werde nicht erreicht. „Die Interessen dieser Altersgruppe finden sich in unserem Programmangebot nicht wieder.“

Ege stellt auch einen „gesellschaftlichen Wandel“ fest, anspruchsvolle Veranstaltungen erreichten „nur noch einen kleinen Kreis von Menschen“. So habe erstmals in der Odeon-Geschichte ein Gastspiel des renommierten Theaters Lindenhof abgesagt werden müssen. Selbst Kindertheatervorführungen im Rahmen der Göppinger Kinder- und Jugendtheaterwochen hätten mangels Nachfrage abgesagt werden müssen. Der Vorstand stellt fest, „dass leichte Unterhaltung und Comedy eher dem Zeitgeist entsprechen“. Diesen zu bedienen, könne aber nicht Aufgabe einer Kulturinitiative sein. Nicht zuletzt treiben den Verantwortlichen auch die gestiegenen Kosten Schweißperlen auf die Stirn. So würden alleine für die Technik pro Kleinkunstveranstaltung mittlerweile zwischen 700 und 1200 Euro fällig.

„Strukturelle und inhaltliche Veränderungen sind also zwingend notwendig“, schreibt Ege am Ende des Briefs. „Dieser Neuanfang erfordert neue Ideen, Kraft und Motivation, die nicht nur bei mir nach 33 Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit nachgelassen haben.“ Odeon habe aber noch eine Chance, wenn sich genügend Menschen fänden, die die „erforderlichen Veränderungen“ aktiv angehen. „Die Türe dazu hat eine Gruppe von Mitgliedern spontan am Ende der Mitgliederversammlung geöffnet, mit dem Ziel, die Arbeit von Odeon eventuell fortzuführen.“

Seit 1993 im Alten E-Werk

E-Werk Vor 32 Jahren wurde die Kulturinitiative Odeon gegründet, seitdem ist Klaus Ege auch Vorsitzender. Seit Herbst 1993 finden die Veranstaltungen im Alten E-Werk statt, das der Stadt Göppingen gehört.

Künstler Im Laufe der Jahrzehnte haben unzählige bekannte Kabarettisten und Jazzmusiker das E-Werk auf Einladung von Odeon bespielt. Ein Auszug: Gerhard Polt, Hagen Rether, Richard Rogler, Josef Hader, Georg Schramm, Sigi Zimmerschied, Horst Schroth, Eckhard Henscheid, Harry Rowohlt, Matthias Deutschmann, Maren Kroymann, Volker Pispers, Pippo Pollina, Jack DeJohnette, Dave Holland, John Abercrombie, Jasper van‘t Hof.

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