Göppingen NWZ-Gründer: Journalisten mit Mut und Verstand

Göppingen / SWP 02.08.2016
Karl Aberle und Fritz Harzendorf waren Journalisten aus Überzeugung und hatten den Mut, in einem vom Krieg zerstörten Land einen Neuanfang zu wagen.

Karl Aberle und Fritz Harzendorf erhielten am 2. August 1946 in Göppingen von der amerikanischen Militärregierung die Lizenz zum Zeitungsmachen. Wer waren die beiden Gründer der Neuen Württembergischen Zeitung?

"Nicht nur durch Journalistik, sondern auch durch die Tat wirkte Karl Aberle in der Öffentlichkeit. . . Er sah sich als Anwalt der notleidenden Volksschichten und war ein unermüdlicher Verfechter sozialer Forderungen. Im Fleiß, in Sparsamkeit, Redlichkeit und Ordnungssinn erkannte er als echter Schwabe die schönsten Tugenden des Landes und seiner Bewohner." Diese Anmerkungen, mit denen die NWZ am 10. Oktober 1963 Abschied nahm von ihrem zwei Tage zuvor verstorbenen Gesellschafter und Mither- ausgeber, zeigen zwei Facetten einer Persönlichkeit auf, die von den ersten Anfängen an das Gesicht dieser Zeitung prägten: das politisch-soziale Engagement und die Volksverbundenheit Karl Aberles, der wie Fritz Harzendorf Lizenzträger der NWZ war.

Karl Aberle wurde am 17. September 1901 in Göppingen geboren. Nach dem Schulbesuch erlernte er den Beruf des Werkzeugdrehers, doch lagen seine Neigungen auf journalistischem Gebiet. 1925 wurde er freier Mitarbeiter verschiedener Tageszeitungen.

Von 1928 bis 1933 erhielt er seine redaktionelle und politische Schulung durch den späteren Landtagspräsidenten Wilhelm Keil und durch Dr. Kurt Schumacher, den damaligen Bundesvorsitzenden der SPD. Als Redakteur der "Schwäbischen Tagwacht" in Stuttgart verlor Karl Aberle, der seit seiner Jugend der Sozialdemokratischen Partei angehörte, 1933 seine Stellung, wurde vom nationalsozialistischen System verfolgt und durfte nicht mehr journalistisch tätig sein. Von 1934 bis 1945 war er Facharbeiter bei Daimler-Benz, um nach Kriegsende an den Redaktionsschreibtisch zurückzukehren, zunächst beim Göppinger Amtsblatt, dann, ab November 1945, bei der "Stuttgarter Zeitung".

Im August 1946 wurde er Mitherausgeber der NWZ. Die journalistische Plattform genügte ihm zur Darstellung seiner gesellschaftspolitischen Ziele nicht. Diese zu vertreten, vor allem aber zu verwirklichen, war er seit 1946 Göppinger Gemeinderat und Mitglied sowohl des Kreisrats wie des Kreistags. 1950 wurde er mit großem Stimmenanteil in den württembergischen Landtag gewählt. Als engagierter Lokalredakteur kannte er die Menschen, lebte mitten unter ihnen und sah ihnen "aufs Maul".

Seine Beobachtungsgabe verband sich mit einem humorvollen Stil zu Veröffentlichungen, die zu schmunzelndem Nachdenken anregten. "Selbstverständlich ist. . . bekannt, wie gern K. A. bereit ist, sich für alte Leute einzusetzen und sich für originelle Rettichschwänze zu begeistern, wie unermüdlich er alljährlich den ersten und den letzten Maikäfer besingt", hieß es in der Glückwunschadresse zum 50. Geburtstag von K. A., unter diesen Zeichen kannten und schätzten ihn die Leser, für deren Belange er sich unermüdlich einsetzte. Es war für Karl Aberle, seine Familie und die Öffentlichkeit ein harter Schlag, als ihn 1953 eine schwere Krankheit zwang, sich von seiner journalistischen und politischen Arbeit zurückzuziehen. Als er 1963 starb, blieb er als humorvoller, leutseliger Mensch und engagierter Journalist in Erinnerung.

Als Dr. Fritz Harzendorf sich im März 1963 aus der Chefredaktion der NWZ zurückzog, nachdem er bereits im Jahr zuvor altershalber als Gesellschafter und Geschäftsführer der Zeitungsverlags- und Druck- haus GmbH Göppingen ausgeschieden war, würdigten Verlag und Redaktion seinen unbestreitbaren Verdienst: "Dr. Fritz Harzendorf hat kraft seiner Persönlichkeit und journalistischen Erfahrung über 16 Jahre lang das Gesicht dieser Zeitung geprägt und die Grundlagen ihrer Unabhängigkeit geschaffen. Unbeeinflusst von Parteien, Verbänden, Behörden und Interessen einzelner diente er durch das Prinzip einer objektiven Information allen Lesern und einer freien Meinungsbildung..."

Diesem Ideal und seiner Verwirklichung war Fritz Harzendorf zu jeder Zeit seiner langen journalistischen Laufbahn verpflichtet, die vielleicht nicht viele, aber prägende Stationen hatte: "Von meinen Studienjahren abgesehen (er studierte Volkswirtschaft, Philosophie und Geschichte in Heidelberg, München, Leipzig und in England), bin ich nicht weit in der Welt herumgekommen" (Einleitung zu einer kurzen, im Sommer 1949 erstellten Selbstbiographie).

1889 in Konstanz geboren, begann Fritz Harzendorf seine journalistische Arbeit 1913 bei der heimatlichen "Abendzeitung". Nach dem Ersten Weltkrieg, den er als Offizier "in den Schützengräben vom Oberelsass bis zur flandrischen Küste" erlebte, gründete er in Singen die "Oberländer Zeitung" bis er 1929 nach Göppingen ging, wo er die Chefredaktion der demokratischen Zeitung "Der Hohenstaufen" übernahm.

1934 musste er den nationalsozialistischen Machthabern weichen, die ihn zuvor mehrfach seiner aufrechten Gesinnung wegen inhaftiert hatten. In Überlingen lebte er, mit Arbeitsverbot belegt, unter schwierigen Verhältnissen, bis er 1940 als Hauptmann der Reserve eingezogen wurde.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war er ab September 1945 Chefredakteur des in Konstanz erscheinenden "Südkurier", bis ihn im April des folgenden Jahres die Verlagsgesellschaft "Der Hohenstaufen" aufforderte, nach Göppingen zurückzukehren, um hier die Chefredaktion einer geplanten Zeitung zu übernehmen. Zunächst alleiniger Lizenzträger der NWZ und mit den Vorarbeiten zu deren Herausgabe betraut, stimmte er einer Ausdehnung der Lizenz auf Karl Aberle ohne Einschränkung zu. Die Lizenzierung erfolgte in einer schlichten Feier im Rotationsraum der Druckerei Illig am 2. August 1946.

Nach seinem Ausscheiden als Verlagsleiter der NWZ 1962 rief er noch im selben Jahr die nach seinem Sohn benannte "Stiftung Michael" ins Leben, die die Ursachen von Anfallskrankheiten (Epilepsien) und die Methoden ihrer Bekämpfung wissenschaftlich erforschen sowie ihre individuellen und sozialen Folgen bekämpfen sollte. Diese Gründung war eines der wenigen an die Öffentlichkeit gerichteten Zeichen seiner steten Hilfsbereitschaft, der er meist in unspektakulärer Zurückhaltung, doch mit Entschiedenheit nachgab. Am 21. November 1964 starb Fritz Harzendorf in Stockach.

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