Kreis Göppingen Notfallpraxis liegt auf Eis

Bis auf weiteres wird es im Kreis keine Notfallpraxis geben. Die Kreisärzteschaft will die Reformpläne der Kassenärztlichen Vereinigung nicht mittragen.
Bis auf weiteres wird es im Kreis keine Notfallpraxis geben. Die Kreisärzteschaft will die Reformpläne der Kassenärztlichen Vereinigung nicht mittragen. © Foto: Archiv
SUSANN SCHÖNFELDER 06.08.2012
Die Ärzte im Kreis sind verunsichert: Eigentlich könnten sie sofort eine Notfallpraxis in der Klinik am Eichert starten. Doch die Kassenärztliche Vereinigung (KV) macht ihnen einen dicken Strich durch die Rechnung.

Der Verein "Notfallpraxis Göppingen" ist gegründet und zugelassen, das EDV-System ist installiert, ein Pool von Ärztehelferinnen steht bereit, die Räume sind fix und fertig, der Vertrag mit der Klinik am Eichert ist unterschriftsreif. "Wir könnten die Notfallpraxis also morgen aufmachen", sagt Dr. Hans-Joachim Dietrich, Chef der Kreisärzteschaft. Vor etwa zwei Jahren hatten die Geschäftsführung der Kreiskliniken (jetzt Alb Fils Kliniken) und Vertreter der Kreisärzteschaft einen Arbeitskreis gegründet und an einem Konzept getüftelt, wie ein zentraler Bereitschaftsdienst an Wochenenden und Feiertagen an der Klinik organisiert werden könnte. Ursprünglich hatten die Mediziner den Start der Notfallpraxis für den 1. April angepeilt, dann stand die Eröffnung im dritten Quartal dieses Jahres im Raum.

Ob daraus etwas wird, steht jedoch in den Sternen. Denn die Ärzte im Landkreis wurden von einer neuen Entwicklung überrascht und haben das Thema erst einmal auf Eis gelegt. Die Kassenärztliche Vereinigung im Südwesten will nämlich den Notfalldienst komplett umkrempeln, setzt dabei aber auf ein anderes Konzept als die Kreisärzteschaft: Statt bisher 380 soll es nach dem Willen der KV landesweit nur noch 70 Notfallbezirke geben, in jedem Landkreis also eine Praxis, die Patienten bei akuten, jedoch nicht lebensbedrohlichen Erkrankungen ansteuern können. Die Notfallpraxen sollen in der Regel an Krankenhausambulanzen angebunden sein und von der KV in Eigenregie geführt werden. Dabei sieht der Plan 40 bis 50 Euro pro Stunde für Honorarärzte im Notfalldienst vor.

Mediziner im Landkreis sind alles andere als erfreut über den neuen Entwurf der KV. "Zunächst einmal ist uns nicht klar, wie es zu dieser Umkehr kam", sagt Dr. Frank Genske, der zusammen mit Dr. Emil Frick federführend an dem Papier für die Notfallpraxis im Landkreis gearbeitet hat. "Wir haben aus der Ärztezeitung von dem neuen Konzept erfahren und fühlen uns vor den Kopf gestoßen", fügt Genske hinzu. Die jetzt geplanten Strukturen - inklusive der Kalkulation - würden das Konzept der Kreisärzteschaft über den Haufen werfen. Daher mache es keinen Sinn, die Notfallpraxis in Göppingen (später sollte es eine zweite in Geislingen geben) jetzt zu starten, erklärt Genske. Das habe er auch der KV-Führung - die übrigens vor nicht allzu langer Zeit die Satzung des Vereins "Notfallpraxis Göppingen abgesegnet hatte - in einem zweiseitigen Brief dargelegt. In dem Schreiben macht er auch klar, dass er von der grundsätzlichen Idee, die Notfallbezirke zu reduzieren und die Versorgung durch zentrale Notfallpraxen zu verbessern, überzeugt sei.

Dietrich, Frick und Genske können sich aber nicht vorstellen, wie der Notfalldienst ablaufen soll, falls die KV bei ihrem aktuellen Reformvorschlag bleibt. Derzeit gebe es zwölf Notfallbezirke für den allgemeinen Dienst und vier für Spezialdienste im Landkreis, "die völlig autark und reibungslos funktionieren", unterstreicht Dietrich. Dass sich die Ärzte überhaupt mit dem Thema Notfallpraxis beschäftigt haben, liege daran, dass dieses Modell bis 1. Januar 2014 flächendeckend im Land eingeführt werden soll. So will es der Gesetzgeber. Hintergrund: Vor allem auf dem Land ächzen niedergelassene Ärzte über häufige Bereitschaftsdienste.

Nach dem ursprünglichen Beschluss sollten jedoch 160 Notfallbezirke aus den derzeit 380 gemacht werden. Schon bei dieser Reduzierung hatten Bürgermeister und Landkreistag aufgeschreckt reagiert. Die neuen Plänen mit 70 Bezirken verschärfe die Situation ungemein, betont Frick: "Das sind elend lange Wege für die Patienten." Der Göppinger Arzt ist zudem nicht einverstanden, dass die KV den Notdienst in Eigenregie und mit Vertragsärzten, die sich freiwillig melden, einteilen will: "Wir sind völlig außen vor. Das sind dann keine Ärzte mehr, die die Patienten und die Strukturen vor Ort kennen", ärgert sich Frick und meint: "Die Versorgung ist mit diesem Modell nicht gewährleistet." Die Kreisärzteschaft hofft nun, dass sie doch noch ihr fertiges Konzept umsetzen kann. Sie wartet jetzt auf Antwort aus Stuttgart - von der Kassenärztlichen Vereinigung und von Sozialministerin Katrin Altpeter. Für die Patienten ändert sich nichts: "Vorläufig läuft alles normal weiter", sagt Dietrich.

Fertiges Konzept in der Schublade

Vertreter der Kreisärzteschaft und die Geschäftsführung der Kreiskliniken haben vor zwei Jahren ein Konzept erarbeitet und sich darauf verständigt, eine Notfallpraxis in der Klinik am Eichert (für die Stadt Göppingen und ihre Stadtteile) und in einem nächsten Schritt in der Helfenstein-Klinik in Geislingen einzurichten.

Der Verein "Notfallpraxis Göppingen" soll demnach Initiator und Träger der Notfallpraxis sein und auch Vertragspartner der Klinik. Auch die

Honorierung der Ärzte und des Personals soll Sache des Vereins sein. Die Vereinssatzung sei von der Kassenärztlichen Vereinigung "geprüft und für richtig befunden worden", sagen die Vertreter der Kreisärzteschaft. Der Dienst soll zunächst nur an Wochenenden und Feiertagen eingerichtet werden.

Die Kreisärzteschaft ist grundsätzlich überzeugt davon, dass eine solche Notfallpraxis in der Klinik viele Vorteile bringe, beispielsweise könnten Röntgenbilder oder Labortests direkt vor Ort gemacht werden. Zudem meinen die Mediziner im Kreis, dass ihr "schlankes Modell" zum wirtschaftlichen Erfolg, zur Entlastung der Ärzte und einer bessere Versorgung der Patienten führe.