Göppingen Nida-Rümelin kritisiert „Reformitis“

Professor Julian Nida-Rümelin im Gespräch mit Gästen in der Göppinger Stadthalle. Der Philosoph sprach über die Krise beruflicher und akademischer Bildung.
Professor Julian Nida-Rümelin im Gespräch mit Gästen in der Göppinger Stadthalle. Der Philosoph sprach über die Krise beruflicher und akademischer Bildung. © Foto: Kallenberg
Göppingen / Von Martina Kallenberg 19.10.2018
Professor Julian Nida-Rümelin sprach beim Sparkassen-Schulforum in der vollbesetzten Stadthalle über den Akademisierungswahn und ließ kein gutes Haar am Pisa-Test.

Die Parkplätze um die Stadthalle sind belegt, das Foyer ist mit diskutierenden Menschen bevölkert – man sollte kaum glauben, dass im Rahmen des Herbstcamps für Schüler aller Schularten zur Berufswahl eine Veranstaltung solch einen Andrang auslöst. Es ist eher der illustre Name Julian Nida-Rümelin, doppelter Dr. und Professor, Kultur-Staatsminister a.D. im ersten Kabinett Gerhard Schröders, der über die Krise der akademischen und beruflichen Bildung vor einer vollen Stadthalle spricht.

Der Philosoph, Mathematiker, Physiker und Politikwissenschaftler zeigt gekonnt, was an Pisa und der Bologna-Reform fragwürdig ist. Welche Kompetenzen etwa beim Pisa-Test, der von der OECD und zur Hälfte von den USA finanziert wird, abgeprüft wird und vor allem was nicht. Regelmäßig schneidet Deutschland nicht so gut dabei ab – doch warum kommen weder Grundkompetenzen in der ersten Fremdsprache, Weltwissen oder Allgemeinbildung noch Literatur vor? Alles Fächer, in denen europäische Länder wohl um einiges besser als die USA abschneiden würden.

Die Testergebnisse rüttelten das Bildungswesen auf, doch ist es der richtige Weg, die musischen Fächer zurückzufahren und nach einem anglikanischen Vorbild zu streben, statt sich auf die Kompetenzen des humanistischen Bildungssystems zu besinnen, fragte sich der Referent. Die Grundfrage, die man sich zu stellen habe, bevor man der „Reformitis“, die in diesem Land grassiere, anheim falle, sei die: Was ist uns in der Gesellschaft wichtig ist?

China schneide beim Pisa-Test regelmäßig überaus gut ab – doch wollen wir auch die Suizidraten unter den Jugendlichen der Pisa-Sieger, lautete eine rhetorische Frage von Nida-Rümelin. Die Angst vor dem Versagen, einer Zukunft, in der „es nicht möglich ist zu heiraten ohne einen Bachelor“, wie Jörg Dräger zitiert wird? Oder heiße Bildung nicht etwas ganz anderes als nur Abitur und Studium?

Den Bildungsweg bis zum Arbeitsmarkt zu verkürzen, war das Ziel des schnelleren Abiturs und der Bachelorstudiengänge – drei Jahre und mit Anfang 20 im Berufsleben durchstarten. Doch die wenigsten Unternehmen geben 21-Jährigen verantwortungsvolle Posten und anstatt die Studienzeit zu verkürzen, studiert man häufig noch einen Masterstudiengang und ist dann auch erst mit etwa 25 fertig mit Studieren. Unterm Strich habe sich nun die Studienzeit verlängert. So zeigt Nida-Rümelin immer wieder auf, wie nicht klar durchdachte Entscheidungen sich selbst regulieren – und nicht den Prognosen folgen.

In der Bildung werde sehr viel Wert auf kognitive Fähigkeiten gelegt – doch umfassende Bildung beinhaltet die ganze Persönlichkeit mit haptischen und sozialen Fähigkeiten. Was fehlt, ist die Wertschätzung für das Handwerk, für Fähigkeiten, die keinem akademischen Grad entsprechen. Selbstständige Menschen auszubilden, ihr Potential zu fördern, Stärken zu erkennen, in Schule, Betrieben, Universitäten als Dienst an der Allgemeinheit und keine Abwertung von Berufsgruppen – dies sollte im Fokus stehen. Jedes Kind, jeder Jugendliche, jeder Mensch sollten die Chance haben, in einem Bereich gut zu sein – das ist für Nida-Rümelin Ziel des Bildungsweges.

Auch wenn Deutschland im europäischen Vergleich, zusammen mit der Schweiz und Österreich, eine niedrige Akademikerquote habe, so sei in diesen Ländern die Jugendarbeitslosigkeit am niedrigsten. Die USA hätten keine Alternative zum Studium, diese gebe es hier wohl, und der Wunsch sei groß, dass das duale Ausbildungssystem dieselbe Anerkennung erfahre wie ein Studium.

Eindringlich hat Julian Nida-Rümelin seine Ausführungen dargelegt, er ist ein Redner, dem man gerne und gut folgen kann.

Kulturstaatsminister im Kabinett Schröder

Der Referent Professor Julian Nida-Rümelin gilt als einer der renommiertesten Philosophen in Deutschland. Er lehrt Philosophie und politische Theorie an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Er war Kulturstaatsminister im ersten Kabinett Schröder.

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