Tierschutz Nicht nur Glyphosat setzt Bienen zu

Landesverbandspräsident Ulrich Kinkel und Imkerin Sabine Wagner sorgen sich um die Bienen. Werden die Völker nicht geschützt, setzen ihnen auch im Winter Varroamilben zu.
Landesverbandspräsident Ulrich Kinkel und Imkerin Sabine Wagner sorgen sich um die Bienen. Werden die Völker nicht geschützt, setzen ihnen auch im Winter Varroamilben zu. © Foto: PETER DIETRICH
PETER DIETRICH 12.01.2018

Glyphosat gilt als Insektenkiller. „Katastrophal“ nennt deshalb Ulrich Kinkel, Präsident des Landesverbands Württembergischer Imker und Vizepräsident des Deutschen Imkerbunds, die verlängerte Zulassung des Unkrautvernichters. Der Landesverband hat seinen Sitz in Reichenbach an der Fils, Kinkel wohnt aber in Göppingen.

Dort, am Rand der Stadt, geht Sabine Wagner der Imkerei nach. Sie begann erst 2011 damit, hat nun mehr als 200 Völker und erntet neben Honig auch viel Blütenpollen. So ein Volk zählt im Sommer 30 000 bis 40 000 Bienen, dann ist für die Imkerin ein Millionenheer unterwegs. „Wegen der Varroamilbe gäbe es ohne Imker keine Honigbiene mehr“, sagt sie, „außerdem fehlen den Bienen die natürlichen Nistplätze“.

Was macht den Bienen sonst Probleme? Ulrich Kinkel kennt die Horrormeldungen, differenziert aber und beginnt im Jahr 2008. Damals wurden im Rheintal 10 000 Bienenvölker geschädigt. Ein Pflanzenschutzmittel haftete schlecht an den Maiskörnern, ein Teil wurde beim Säen abgestreift und verweht. „Heute darf das Mittel nur von zertifizierten Betrieben angewandt werden.“ Ulrich Kinkel lehnt das sogenannte Beizen nicht grundsätzlich ab: „Raps wird erst im Herbst gebeizt und ausgesät, da schadet es den Bienen nicht. Ist das verboten, müssten die Landwirte im Frühjahr und Sommer mehr spritzen, das könnte eventuell den Rapshonig belasten.“

Werde der Rapsanbau durch Spitzmittel teurer, wichen die Landwirte auf Soja aus: „Der bringt den Bienen nichts.“ Für die Bienen kritisch sind die Neonicotinoide: in Feldversuchen brachten sie die Insekten um ihre Orientierung. „Das ist ein Nervengift, ein Abkömmling vom Nikotin. Einige wurden vom Europäischen Gerichtshof verboten. Bayer und Monsanto haben Revision eingelegt, sind aber nicht durchgekommen.“

Schon ganz kleine Dosen chemischer Substanzen können Bienen schädigen. Es sei klar: „Wir wollen kein Glyphosat im Honig.“ Die deutschlandweit gesammelten Daten zu Rückständen lassen Fragen offen, die Werte sind ganz unterschiedlich. Warum? „Man weiß es nicht.“

Ein Problem für die Bienen ist die „Vermaisung“ der Landschaft, die Pollenversorgung in der Stadt ist inzwischen besser als in manchen landwirtschaftlich genutzten Gebieten. Noch eine Veränderung macht Ulrich Kinkel aus: „Heute blüht alles gleichzeitig. Die Abfolge von früher, zuerst die Obstblüten, dann die Wiese, zum Schluss der Raps auf der Alb, gibt es nicht mehr. Zudem verblüht der Raps heute schneller, so wurde er gezüchtet.“

Wie war die Ernte 2017? Blütenhonig sei selten, wie schon seit 2012, sagt Sabine Wagner. Die Frostnacht vom 19. April mit minus sieben Grad Celsius hatte Folgen. So gab es bei Linde, Ahorn und Rosskastanie gar nichts. Das sei aber regional verschieden, in Norddeutschland sehe es besser aus. Dafür gab es 2017 im Süden extrem viel Waldhonig.

Gab es im Jahr 2004 in Württemberg 8500 Imker, sind es aktuell etwa 14 000. Allerdings nimmt die Zahl der Bienenvölker nicht entsprechend zu. „Das sind viele junge Leute, die etwas für die Natur tun möchten und nur drei oder vier Völker haben“, sagt Ulrich Kinkel, der sich über das Interesse an der Imkerei freut. Pro Jahr und Volk seien etwa fünf Stunden Arbeit nötig. Das Abfüllen, Etikettieren und Verkaufen des Honigs gehe extra. „50 Prozent der Arbeit ist Putzen“, sagt Sabine Wagner.

Viel Arbeit macht die Varroamilbe. Ulrich Kinkel schwört auf das baden-württembergische Behandlungskonzept mit Ameisensäure im Sommer nach der Honig­ernte und Oxalsäure im Winter. „Das ist ein riesiger Aufwand, es kommt auf die Temperatur und Luftfeuchtigkeit an“, sagt Sabine Wagner. Bis 21. Dezember muss das erledigt sein, denn die Bienen merken die Wintersonnwende und reagieren sofort darauf.

Aber, betont Ulrich Kinkel, so gebe es keine Rückstände, anders als beim „chemischen Hammer“ Amitraz, gegen den die Varroamilbe zudem Resistenzen entwickle. Es habe auch Versuche mit Bienenvölkern aus Norwegen gegeben, die gegen die Varroamilbe resistent sind. Doch das Vorhaben, sie zu Wirtschaftsvölkern zu machen, hätten diese Völker nicht überlebt.

Deutscher Honig wird streng überwacht. Wenn die Imker im Imkerbund alle zwei Jahre ihren Honig zur Prämierung einreichen, wird er auf Rückstände untersucht. Auch das Veterinäramt hatte Sabine Wagner in diesem Jahr schon zu Besuch. Es nahm eine Probe mit und hatte nichts zu beanstanden.

Die Biene sei nach Schwein und Rind das wichtigste Nutztier, betont Ulrich Kinkel. 70 Prozent der Nahrungsmittel seien von der Bestäubung abhängig. Doch die Natur ist wie so oft sehr großzügig. „Wenn nur fünf Prozent der Blüten bestäubt werden, reicht das schon für eine Vollernte.“

Schindluder beim Honigimport

Deutschland deckt seinen Honigbedarf nur zu einem Viertel selbst, rund 75 Prozent des Honigs sind Importhonig. Teilweise heißt er aber nur so. Ulrich Kinkel weist auf eine Tagung von 2016 hin, bei der bekannt wurde, dass 32 Prozent der untersuchten Importhonige Scheinhonige aus Reis- oder Maismelasse waren. „Das ist ein Abfallprodukt bei der Herstellung von Zucker. Es wurden zur Tarnung sogar Pollen aus Europa zugefügt. Das merkt man als Laie nicht“, erklärt Kinkel.

Herstellung Weltweit steige die Zahl der Bienenvölker, vor allem in China, Argentinien, Spanien und der Türkei. Honig aus China komme teils für nur 1,80 Euro bis zwei Euro pro Kilo in Rotterdam an. Doch parallel steige der Weltmarktpreis für Honig guter Qualität. „In Rumänien sind die Preise doppelt so hoch wie bei uns, in Marokko kostet das Kilo Honig 40 Euro. In islamischen Ländern ist Honig etwas Heiliges.“