Kommunalpolitik Nicht auf Guido Tills Schoß

Christian Stähle (r.) und René Niess (hier bei einer Wahlparty 2016 in Eislingen): E-Mails stiften Verwirrung – doch die Linke betont ihre Einigkeit.
Christian Stähle (r.) und René Niess (hier bei einer Wahlparty 2016 in Eislingen): E-Mails stiften Verwirrung – doch die Linke betont ihre Einigkeit. © Foto: Staufenpress
Göppingen / Dirk Hülser 16.06.2018

Es war eine der großen Überraschungen des Jahres in der Göppinger Kommunalpolitik: Am Rande der Delegationsreise nach Pessac kam es vor rund vier Wochen erstmals nach neun Jahren zu einem direkten Gespräch zwischen den bisherigen Intimfeinden OB Guido Till und dem Fraktionsvorsitzenden der Linken/Piraten (Lipi), Christian Stähle. Verwirrung stifteten nun eine Pressererklärung des Linken-Kreisverbands und eine Erwiderung von Stähle. Sorgt dessen Schmusekurs mit dem OB für Ärger? Die Beteiligten winken ab – inhaltlich werde weiter genauso kritisch hingeschaut wie bisher auch.

„Es gibt nur eine Instanz in meinem Leben, bei der ich mich für meine Entscheidung, ob ich mich versöhne oder nicht, rechtfertige, und diese Instanz ist für mich als Christ nicht von dieser Erde“, schreibt der Theologe Stähle. Was hat das zu bedeuten? Wer die Vorgeschichte nicht kennt und auch nicht die Presseerklärung der Linken, steht vor einem Rätsel. Stähle notierte noch: „Wer anderen nicht verzeihen kann, zerstört die Brücke, über die er selbst gehen muss. Jeder Mensch braucht Vergebung.“

Keine drei Stunden zuvor hatte René Niess, medienpolitischer Sprecher und Kreisschatzmeister der Linken, eine Presseerklärung verschickt: „Die Ereignisse und Berichterstattungen der letzten Wochen in der Kommunalpolitik führten zu vielen Nachfragen und kritischen Stimmen vor allem in der Kreisstadt Göppingen hinsichtlich eines möglichen neuen Kurses der Linken in der Kommunalpolitik.“

Niess betonte wie auch der neben Stähle zweite Kreisvorsitzende Thomas Edtmaier, Stadtrat Philipp Siemer und Vorstandsmitglied Joachim Kleinmann, dass die Linke sehr wohl weiterhin kritisch Tills Arbeit verfolgen und begleiten werde. Gegebenenfalls würde auch ein „harter Konfrontationskurs“ gefahren, betonte Edtmaier.

Stähle erläuterte gestern, warum seine Genossen die Presseerklärung verschickt hätten: „Es gibt Parteimitglieder und Bürger, die denken, die Linke sitzt dem Till jetzt auf dem Schoß.“ Das sei mitnichten der Fall. So habe die Lipi-Fraktion gleich in der ersten Sitzung nach der Aussöhnung mit Till zwei Vorlagen der Verwaltung nicht zugestimmt. „Das eine hat mit dem anderen nichts zu tun.“

Edtmaier bestätigt das: „Ich finde es richtig, dass man jetzt sagt, Schwamm drüber – aber inhaltlich muss man schon genau drauf gucken.“ Er betont: „Es gibt keinen Krach in der Linken.“ Er begrüße es, dass nach jahrelangem Streit zwischen Till und Stähle nun ein respektvollerer Umgangston herrsche und „sie Frieden geschlossen haben“. Es könne zwar sein, dass einige in der Partei dies anders sähen, „aber das ist sicher nicht die Mehrheit“.

Stähle glaubt jedenfalls: „Das müssen jetzt ein paar Genossen aushalten.“ Ganz staatsmännisch hatte er in seiner kurzen Mail auch noch den früheren Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zitiert: „Politiker sind keine moralische oder unmoralische Extraklasse, sondern Menschen wie alle anderen auch.“ Bei ihm sei es genauso: „So bin auch ich nicht nur Kreisrat, Stadtrat und Parteifunktionär, sondern einfach nur Christian Stähle.“ Ein, so scheint es, geläuterter Christian Stähle: „Die Keilerei, die wir neun Jahre lang hatten, braucht kein Mensch.“

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