Porträt Vom Obdachlosen zum Hausmeister

In seinen vier Wänden bei der Heilsarmee fühlt sich Wolff-Dieter Hipp wohl. Auch in seiner Rolle als Hausmeister und Ansprechperson blüht er auf.
In seinen vier Wänden bei der Heilsarmee fühlt sich Wolff-Dieter Hipp wohl. Auch in seiner Rolle als Hausmeister und Ansprechperson blüht er auf. © Foto: Giacinto Carlucci
Göppingen / AYCA BALCI 21.07.2017
Auf der Straße landet man schnell. Wolff-Dieter Hipp ist ein Vorbild dafür, dass man sein Leben wieder in den Griff bekommen kann. Bei der Heilsarmee hat er den Neuanfang geschafft.

Stolz zeigt Wolff-Dieter Hipp seine kleine, gepflegte Wohnung bei der Heils­armee in der Göppinger Marktstraße. Hier lebt er nun schon seit über zwei Jahren. Wahnsinniges Glück hatte er damals, denn das Wohnheim sei so gut wie immer voll, erklärt Bernd Friedrichs, Leiter der Göppinger Heilsarmee. „Momentan gibt es in Göppingen noch 190 Menschen, die auf der Suche nach einem Dach über dem Kopf sind“, fährt er fort.

Einst ein glückliches Kind

„Ich bin sehr glücklich aufgewachsen“, erzählt der 1951 als Sohn einer Göppinger Unternehmerfamilie geborene Hipp. Nach dem Konkurs der familieneigenen Möbelfabrik und dem frühen Tod seines Vaters habe er die Fäden selbst in die Hand genommen. „Ich habe versucht zu retten, was noch zu retten war, aber das ging ziemlich in die Hose“, erzählt er. Während er sich anfangs noch mit verschiedenen Arbeiten über Wasser halten konnte, erkrankte seine Mutter. Durch die Pflege, die zu einem Fulltime-Job geworden war, verlor er seinen Arbeitsplatz. „Finanziell ging es steil bergab“, erinnert er sich zurück. Nach dem Tod seiner Mutter habe er die Miete nicht mehr begleichen können und verlor schließlich auch seine Wohnung. „Da stand ich plötzlich vor der Tür und landete im Schlafcontainer beim Haus Linde.“ Nach Übergriffen und Diebstählen durch andere Bewohner des Containers habe er gemerkt, dass es so nicht weiter gehen könne: „Ich muss mich an Gott wenden“, dachte er.

Der Weg führte ihn zur Göppinger Heilsarmee, wo er ein Bett in der Notschlafstelle bekam. Obwohl diese Betten den Obdachlosen nur für eine Nacht zur Verfügung stehen, habe der Leiter Bernd Friedrichs ihn länger dort schlafen lassen. „Ich wollte nicht, dass er wieder auf der Straße landet“, erzählt Friedrichs. „Ich merkte sofort, da ist ein guter Wille. Und damit kann man viel machen.“ Als schließlich ein Zimmer im Wohnheim frei wurde, durfte Hipp einziehen. „Ich war glücklich, endlich wieder eine Tür zu haben, die ich hinter mir abschließen kann“, erinnert sich Hipp mit einem Lächeln.

In die wöchentlichen Donnerstagstreffs mit Bibelstunde, Kaffee und Kuchen habe Hipp sich direkt eingegliedert, erzählt Friedrichs. „Er war von Anfang an dabei.“ Selbstständig habe er sich erkundigt, ob er irgendwo mit anpacken könne. So bekam er zunächst einen Dienstvertrag und kümmerte sich zweimal in der Woche um den Haushalt des Männerwohnheims. „Je mehr ich mich hineinkniete, desto besser ging es mir“, erinnert sich Hipp zurück. Heute ist er gegen einen kleinen Lohn Hausmeister bei der Heilsarmee und übernimmt auch ab und zu die Notglocke. „An dieser können Menschen in Not klingeln und bekommen dann über Nacht ein Bett in der Notschlafstelle“, erklärt Friedrichs. An allererster Stelle sei er aber zur Vertrauensperson und zum Ansprechpartner für andere Bewohner des Heimes geworden. „Wenn jemand Sorgen oder ein Problem hat, kommt er erst zu mir“, erzählt Hipp.

Durch die Heilsarmee habe er nicht nur ein Dach über dem Kopf bekommen, sondern auch zu Gott gefunden: „Eines Abends entschied ich mich, Soldat zu werden“, erzählt  der 65-Jährige. Auf die Frage, was denn ein sogenannter Heilssoldat mache, hat er folgende Antwort bereit: „Menschen in Not helfen, das Wort Gottes weiterleiten und als christliches Vorbild leben.“ Das A und O sei für ihn aber in allem, was er tut, die Nächstenliebe.

Ein einziger Anruf habe dann eines Tages sein Glück komplett gemacht. „Es war mein Sohn, den ich seit 30 Jahren nicht mehr gesehen hatte“, erzählt er glücklich. Da sein Sohn in die Schweiz gezogen und den Nachnamen seiner Frau angenommen hatte, hatte Hipp ihn nie finden können.

Bernd Friedrichs sieht Hipps Entwicklung als ein Geschenk – nicht nur für ihn selbst sondern auch für die Heilsarmee. „Er ist ein Vorbild für alle hier im Wohnheim“, meint er. „Durch ihn können sich die anderen denken: Wenn er es geschafft hat, sein Leben in den Griff zu bekommen, dann kann ich das auch.“

Obwohl Hipp die Möglichkeit hätte, zu seinem, mittlerweile in Stuttgart lebenden Sohn zu ziehen, will er immer bei der Heilsarmee bleiben. – „So Gott will“, meint er. „Denn ich fühle mich hier sauwohl.“

Die Heilsarmee als Helfer in Not

Obdachlos: „Es kann schnell passieren, dass man plötzlich kein
Dach mehr über dem Kopf hat. Ob eine zerbrochene Beziehung, Schulden oder ein Arbeitsverlust, die Gründe sind verschieden“, erklärt Bernd Friedrichs, Leiter der Göppinger Heilsarmee.

Helfer: Die 1865 in England gegründete evangelische Freikirche leistet in 128 Ländern geistliche und soziale Arbeit. In Göppingen ist die Organisation mit einem Männerwohnheim, das über 31 Einzelzimmer und vier Notschlafplätze verfügt, vertreten.

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