Rasend schnell verbreitet sich seit dieser Woche deutschlandweit ein Video im Internet, das in Göppingen mit einer Überwachungskamera aufgenommen wurde. Hundert- wenn nicht tausendfach wurde es bereits geteilt, auf allen Kanälen, von Facebook über Youtube bis Instagram. Es zeigt einen jungen Mann in der Göppinger Filiale der Drogeriemarktkette Rossmann, wie er hinter Kundinnen stehend masturbiert. Das Unternehmen hat am Donnerstag auf Anfrage mitgeteilt, dass ihm die für die Verbreitung verantwortlichen Mitarbeiter bekannt seien und es bereits Konsequenzen gab: Gegen sie „wurden entsprechende disziplinarische Maßnahmen ergriffen“.

Video als Fahndungsaufruf

Den Fall hatte die Pressestelle der Polizei am Mittwoch publik gemacht, sie hat auch einen Tatverdächtigen ermittelt – nicht zuletzt mit Hilfe des Überwachungsvideos, wie Sprecher Joachim Schulz bestätigt. Dass zwei Ausschnitte der Mitschnitte im Netz kursieren, sei dem Polizeipräsidium Ulm bekannt, sagt Schulz. „Die Polizei ermittelt in dem Gesamtkomplex, da wird es sicher auch ein Schwerpunkt sein, dass man eruiert, wie dieses Video veröffentlicht wurde.“

Auf etlichen Seiten wurden das Video oder auch Fotos aus der Aufzeichnung als eine Art Fahndungsaufruf gepostet, obwohl die Polizei längst weiß, wer der mutmaßliche Täter ist. Immer wieder wird auch behauptet, es handele sich um einen Flüchtling, die Polizei hat dazu aber keine Angaben gemacht. Dies bekräftigte Sprecher Schulz auch gestern: „Es ist ja eigentlich egal, woher derjenige kommt, es ist schlimm genug, dass jemand sowas macht.“

Mit dem Hinweis „Exklusiv Bilder“ hat auch der stellvertretende AfD-Kreisvorsitzende Sandro Scheer sechs Fotos auf der Facebook-Seite „AfD Unteres Filstal“ verbreitet. Auch das Video tauchte unter den Bildern auf, geteilt von einem anderen Nutzer. Scheer findet nichts dabei, die Fotos zu verbreiten: „Die sind ja im Internet allgemein gewesen.“ Er betont: „Ich habe ja nicht zu einer Personensuche aufgerufen, aber die Leute wollen das sehen.“

Das Video wurde von einem Monitor abgefilmt, auf dem die Bilder diverser Überwachungskameras aus der Filiale angezeigt werden. „Bei dem Abfilmen und der Verbreitung des Materials handelt es sich um ein klares Fehlverhalten von Seiten unserer MitarbeiterInnen, die gegen die Anweisung zum Umgang mit sensiblen Daten verstoßen haben“, teilt Rossmann schriftlich mit.

Facebook löscht das Video immer wieder, doch mittlerweile hat es sich massenhaft verbreitet. Einzelne User beschweren sich über das Vorgehen der Internetplattform. „Dachte in Deutschland gibt es Meinungsfreiheit“, schreibt einer, ein anderer spricht von „Zensur alla Stasi“. Rossmann betont, das Unternehmen habe bereits „Kontakt zu allen uns zum jetzigen Zeitpunkt bekannten Plattformen aufgenommen, auf denen das Video im Umlauf ist. In vielen Fällen konnten wir bereits eine Löschung erwirken“.

Die im niedersächsischen Burgwedel ansässige Drogeriemarktkette hat auch Anzeige erstattet, sagt Pressesprecherin Anna Kentrath. Zudem sei der Verstoß gegen die Datenschutz-Grundverordnung (DS-GVO) bei der Landesdatenschutzbeauftragten gemeldet worden.

Für Polizeisprecher Schulz ist es klar, dass das Verbreiten des Videos und der Bilder verboten ist: „Vom Grundsatz her bedarf die Veröffentlichung der Zustimmung der betroffenen Personen, egal, um welches Delikt es sich hier handelt.“ Und was dem Mann letztlich vorgeworfen wird, ist noch gar nicht sicher. Schließlich haben die Frauen offenbar gar nicht bemerkt, was er hinter ihrem Rücken getrieben hat. „Es besteht der Verdacht auf Erregung öffentlichen Ärgernisses und vielleicht kommt noch etwas anderes oben drauf“, sagt Schulz.

 Sowohl die Frauen als auch der Tatverdächtige könnten gegen diejenigen vorgehen, die Film und Fotos ungefragt weiterverbreiten: „Wenn der Verdacht auf einen Verstoß gegen das Recht am eigenen Bild vorliegt, steht es den Betroffenen natürlich frei, Anzeige zu erstatten.“

Auf der Seite „AfD Unteres Filstal“ wurde das Video nach dem Anruf der NWZ am Donnerstagnachmittag gelöscht – die von Sandro Scheer verbreiteten Fotos waren weiterhin online.