Vier verletzte Polizisten, rund 70 verletzte Demonstranten und kein Durchkommen in der Stadt: Das ist eine erste Bilanz des Neonazi-Aufmarschs und der Gegendemonstrationen in Göppingen. Die Polizei kesselte Demonstranten an mehreren Stellen in der Innenstadt ein, zuvor hatten offenbar Nazi-Gegner versucht, eine Polizeiabsperrung zu durchbrechen und Beamte mit Flaschen und Steinen beworfen, heißt es im Polizeibericht. Auch ein Regionalzug wurde beschädigt und mit Steinen beworfen. Mehrfach kam der Zugverkehr auf der Filstalachse zum Erliegen. 2000 Beamte waren im Einsatz, die Rechten mussten ihre geplante Marschroute abkürzen.

Der Morgen hatte friedlich begonnen. Um 10 Uhr ging es auf dem Marktplatz mit der Kundgebung des Verein „Kreis Göppingen nazifrei“ los, rund 200 Zuschauer hatten sich bei noch frischen Temperaturen eingefunden. Vereins-Vorsitzender Alex Maier hat sich nach eigenen Angaben von dem Brief mit einer einer Morddrohung nicht beeinflussen lassen. „Es ist nichts passiert. Ein gutes Gefühl hat man in der Zeit zwar nie – wichtig ist aber, sich nicht einschüchtern zu lassen“, sagte er. Die Wortwahl von Moderator Michael Kocken von der IG-Metall zeugte von seiner tiefen Abneigung gegen den Aufmarsch rechter Demonstranten: „Es kotzt mich an. Wir zeigen heute, dass in Göppingen kein Platz für Nazis ist.“ Auf einem der Transparente war zu lesen: „Wer schweigt, stimmt zu! Laut gegen Nazis“. Getreu diesem Motto trommelten die Musiker von Box Beat einen mitreißenden Rhythmus auf ihren Blechleitern. Nach Oberbürgermeister Guido Till betrat Landrat Edgar Wolff die Bühne und forderte die Bürger auf, Flagge zu zeigen für die Demokratie. Alle sollten wachsam sein, um Freiheit, Demokratie und Toleranz in Göppingen zu erhalten. „Wir brauchen Bürger, die nicht wegschauen!“

Am Abend spricht Alex Maier von 700 bis 800 Demonstternranten , die gegen 12 Uhr bei der Kundgebung waren. „Aus unsere Sicht war es ein Erfolg“, bewertet er den Tag. Auch die Initiativen, die sich an Ständen auf der „Göppinger Straße der Demokratie“, der Marktstraße, vorgestellt hatten, seien „top zufrieden“ gewesen. „Der Migrantinnenverein hat zum Beispiel viele neue Mitglieder werben können“, berichtet Maier.

Maier erzählt auch, dass Mitglieder des Landesvorstands der Grünen Jugend erneut von der Polizei eingekesselt wurden, dies war bereits 2012 der Fall. Auch Maier sitzt im Landesvorstand der Parteiorganisation, Grünen-Landeschef Chris Kühn war am frühen Samstagabend noch dabei, mit der Polizei zu verhandeln. Kühn selbst hatte nach Maiers Angaben Probleme, sich trotz seines Ausweises, der ihn als Bundestagsabgeordneter ausweist, frei zu bewegen. Vielmehr hätte sich der Abgeordnete von Polizisten anhören müssen: „So einen Ausweis kann sich ja jeder machen.“ Auch viele Reporter wurden trotz ihrer Presseausweise immer wieder daran gehindert, Absperrungen zu passieren, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Auch in absolut ruhigen Bereichen der Stadt durften sie sich nur in Anwesenheit eines Polizeisprechers bewegen, der jeweils eigens herbeigerufen werden musste. Ein Reporter des Fernsehsenders Filstalwelle geriet in einen Kessel und durfte diesen auch nach Vorlage seines Presseausweises geraume Zeit nicht verlassen, die Polizei nahm seine Personalien auf.

Insgesamt aber, so am Samstagabend die Einschätzung des Grünen-Landtagsabgeordneten Jörg Matthias Fritz, sei der Polizeieinsatz „relativ besonnen“ gewesen. Er sei ohnehin froh, „dass alles glimpflich abgelaufen ist im Vergleich zum Vorjahr“. Zumindest was die Verletzten in den eigenen Reihen angeht, bestätigt die Polizei dies. Stand Samstagabend spricht sie von vier verletzten Beamten. Demosanitäter Christoph Hoffmann sagt, seine Teams hätten 64 verletzte Demonstranten behandelt, viele davon wegen Pfeffersprays, es gab aber auch fünf Frakturen an Fingern, Armen und Füßen, Bauchverletzungen durch Schlagstöcke und sieben Kopfplatzwunden. Der Leiter der integrierten Rettungsleitstelle von DRK und Feuerwehr, Robert Scheel, weiß von neun verletzten Demonstranten, die vom Roten Kreuz versorgt wurden.

Für Aufsehen sorgten mehrere Störungen des Bahnverkehrs. Wie die Deutsche Bahn mitteilte, standen mehrere Fernverkehrszüge vorübergehend still, darunter ein ICE von Berlin nach München. Auch der Regionalverkehr war betroffen. Unter anderem hatten vermutlich Nazi-Gegner bei Reichenbach/Fils brennende Reifen auf die Schienen geworfen. Außerdem wurde bei Göppingen ein Zug mit Holzpaletten am Weiterfahren gehindert. Gewalttäter bewarfen Polizisten mit Schottersteinen, hierbei wurde niemand verletzt, aber eine Scheibe des Regionalzugs sowie drei Scheiben einer angrenzenden Firma wurden beschädigt.

Gegen 15.20 Uhr schließlich startet der Aufmarsch der 141 Neonazis am Göppinger Bahnhof. Ursprünglich sollten die Rechten vom Bahnhof durch die Grabenstraße zum Schillerplatz und dann durch die Willi-Bleicher-Straße zurück zum Bahnhof laufen. Die Polizei verkürzte die Route auch angesichts der fortgeschrittenen Zeit – es ging schließlich nur bis zum Schillerplatz und von dort zurück zum Bahnhof. Gegen 18 Uhr war dann auch die Abschlusskundgebung der Rechtsextremisten beendet.

Die Ereignisse von Samstag zum Nachlesen im Liveticker gibt es hier.

Alle Informationen und weitere Bilder zum Thema auf swp.de/neonazidemo