Sorgerecht Mutter aus Roßwälden will ihr Kind zurück

Ebersbach an der Fils / DIRK HÜLSER 31.10.2012
Aus der Traumhochzeit mit einem australischen Arzt wurde für eine Frau aus Roßwälden ein Albtraum. Seit zwei Jahren kämpft sie um ihr Kind, der Staatsanwalt ermittelt nun gegen einen Abgeordneten.

"lch denke, ich brauche lhnen nicht mitzuteilen, wie es sich anfühlt, auf der anderen Seite der Welt, fern von allem und jedem, was einem lieb und teuer ist, sein Leben verbringen zu müssen, und dies unter Umständen, in denen man nicht einmal weiß, wie man die nächste Stromrechnung bezahlen soll." In einer E-Mail aus dem australischen Sydney drückt Kristina C. jetzt ihre ganze Verzweiflung aus. Die 41-Jährige aus Roßwälden wäre viel lieber wieder Zuhause in Deutschland - doch dann hätte sie ihren fünfjährigen Sohn Maxi verloren. Womöglich für immer.

Dabei begann alles so harmonisch und vielversprechend. Die Deutsche lernte in London den australischen Gynäkologen George C. kennen. Hochzeit, ein gemeinsamer Sohn, Maxi. Immer wieder fliegt Kristina C. mit dem Jungen nach Hause - so auch 2010. Doch dieses Mal ist alles anders. Die junge Mutter beschließt, nicht mehr nach Australien zurückzukehren, reicht die Scheidung ein. Sie sei sich in Sydney nur wie eine "Empfangsdame und Vorzeigefrau" vorgekommen, ihr Mann habe sich nie um das Kind gekümmert, für ihn zählte nur der Beruf, erzählt sie später dem Kirchheimer Landtagsabgeordneten Karl Zimmermann (CDU). Der sitzt im Petitionsausschuss des Landtags und bekommt so Kontakt zu der Frau. Denn deren Mann - Zimmermann: "Der hat Geld, Macht und Ansehen" - will sein Kind zurück. Und laut dem Haager Übereinkommen muss ein Kind in dem Land "seines gewöhnlichen Aufenthalts" aufwachsen, in diesem Fall also Australien. Es gibt Prozesse, vor dem Familiengericht, dem Oberlandesgericht - schließlich sogar eine Sorgerechtsvereinbarung. Die unterschreibt der Vater aber nicht. Jetzt geht der Fall an den Petitionsausschuss.

Die Frau argumentiert, Australien liefere niemals Kinder nach dem Haager Übereinkommen aus, halte sich somit nicht an den Geist des Vertrags. Zimmermann berichtet, dass australische Anwälte Kristina C. gesagt hätten: "Wenn das Kind einmal hier ist, kommt es nie mehr raus." Das will die Mutter verhindern, zumal sie nach eigenen Angaben krank ist, unter anderem an erhöhter Lichtempfindlichkeit leidet und nicht mehr im heißen Australien leben möchte.

Ende des Jahres 2011 eskaliert die Situation: Mutter und Kind tauchen unter, der Gerichtsvollzieher kann sie nicht antreffen, um das Kind dem Vater zuzuführen. Sogar das Haus der Schwester von Kristina C. wird laut Zimmermann in deren Abwesenheit durchsucht, die erstattet Anzeige gegen das Amtsgericht Esslingen. Dann ergeht der Haftbefehl gegen die Mutter wegen Kindesentführung. Am 4. April dieses Jahres um 7.20 Uhr ist es soweit: Die Polizei stürmt ein Haus in Oberstdorf, verhaftet die Mutter, Maxi kommt in die Obhut des Jugendamts und wird nach Australien gebracht. Zimmermann, der selber Hauptkommissar im Landeskriminalamt war, ist entsetzt: "Da fanden Ermittlungen statt, wie ich sie nur aus der Bekämpfung der organisierten Kriminalität kenne." Die Familie habe bereits 300 000 Euro in Anwalts- und Gerichtskosten investiert, erzählt der Abgeordnete, "da ging ein ganzes Haus der Großmutter drauf". Für ein neues Verfahren in Australien müsste Kristina C. nochmals 250 000 australische Dollar aufbringen, die sie nicht hat.

"Unterhalt bezahlt Maxis Vater so wenig als möglich, ich weiß nicht, was werden soll", schreibt sie in ihrer Mail. Jetzt sitzt sie in Sydney. "Wäre sie nicht hingegangen, hätte sie ihr Kind für immer verloren", glaubt Zimmermann. Der Abgeordnete hat jetzt auch noch selber den Staatsanwalt am Hals: Der ermittelt wegen "Anstiftung zur Entziehung Minderjähriger", womöglich muss die Immunität des Abgeordneten aufgehoben werden. Zimmermann habe der Mutter empfohlen, unterzutauchen und die Entscheidung des Oberlandesgerichts zu ignorieren. Dies streitet der 61-Jährige ab, auch habe er nicht gewusst, wo sich Mutter und Kind versteckt halten. "Es darf nicht sein, dass diejenigen, die sich im Rahmen des Rechts für andere einsetzen, am Ende zum Opfer werden." Doch Angst vor einem Prozess hat er nicht: "Damit ich endlich vor einem deutschen Gericht sagen kann, was mir und der Frau passiert ist."