Göppingen / ANNEROSE FISCHER-BUCHER  Uhr
Beim "Sommer der Ver-Führungen" konnten auf "Englisch Verführte" das Wandgemälde des Badhauses der Märklin Villa besichtigen. Das Haus der Familie und die Kunsthalle Göppingen luden dazu ein.

"Mann, ist das mutig, alles auf Englisch, ob ich das wohl verstehe?", meinte eine Teilnehmerin der Besichtigung des Badhauses der alten Märklin-Villa in der Göppinger Olgastraße. Gelockt hatte sie wohl das Wandgemälde des später berühmt gewordenen Malers Oskar Schlemmer (1888 bis1943) im Badhaus, das sie sonst vielleicht nie hätte zu sehen bekommen, weil das Areal inzwischen der Stadt Göppingen gehört und vermietet ist.

Ursula Weingart-Brodbeck, die die Führung übernommen hatte, sprach in einem makellosen und verständlichen Englisch über die Geschichte der Märklin-Familie, führte die Teilnehmer von der Kunsthalle zunächst zum Park und dann zum Badhaus, wo das berühmte Gemälde zu sehen war. Schon auf dem Weg dorthin wurden Pflanzen mit ihren Namen auf Englisch und Deutsch benannt (beech = Buche oder willow = Weide), bis die Teilnehmer zunächst die Ruhe und die wunderbaren alten Bäume des Parks der Villa genießen konnten.

Weingart-Brodbeck ist Reiseleiterin für individuelle Reisen nach Großbritannien und Irland. Bei ihr haben rund die Hälfte der Teilnehmer Englisch-Kurse besucht oder haben mit ihr schon Reisen unternommen. Sie erklärte die familiären Zusammenhänge der Märklins, zeigte das "House of Claudius", der vor fünf Jahren gestorben ist, streifte die Lebensgeschichten von Alexandra, Fritz, Theodor, Caroline - "a realy strong and tough lady" -, von Karl und von Eugen Märklin, der die Villa 1923 bauen ließ.

Ursprünglich hatten die Märklins noch nichts mit Eisenbahnen zu tun. Theodor, der Flaschner war, gründete 1859 die Firma, nachdem er zuvor für seine Kinder Blechspielzeug hergestellt hatte. Er starb 1866 nach einem Sturz auf der Kellertreppe im Alter von knapp 50 Jahren. Heute gehört die Firma nach einigen Turbulenzen nicht mehr der Familie, sondern dem Spielzeughersteller Sieber & Sohn. Oskar Schlemmer, von dem viele Gemälde in der Stuttgarter Staatsgalerie, die im November eine große Ausstellung plant, zu sehen sind, wurde in Stuttgart geboren, lebte aber von 1899 bis 1903 in Göppingen. Er ging in die Uhland-Schule, und man sagt, er habe dort anlässlich einer Feier um 1900 sein erstes Bild gemalt.

Das Bild im Badhaus der Villa, das die Teilnehmer der Führung inzwischen anschauen konnten, zeigt eine Badeszene. Bewiesen sei, dass er das Bild angefangen habe, nicht aber, ob er es auch zu Ende gemalt habe. "Taucht euch ins Bad der Lust, ins klare", mit diesem Zitat von Gottfried Keller aus seinem "Herbstlied" könnte wohl das Bild, nicht aber der jetzige Zustand des nicht mehr benutzten und schon von Moos und Grün bewachsenen, jedoch damals modernen Pools gegenüber dem Badhaus beschrieben werden.

Das weitere Leben von Schlemmer mit der Zugehörigkeit zum Bauhaus und der jähe Abbruch seines Schaffens ab 1937 als "entarteter" Künstler durch die Nazis - "Mr. Goebbels came and stopped him" - waren weitere Stationen auf der englisch-deutschen Reise.