Premiere Mit einem Experiment beginnen

Süßen / Annerose Fischer-Bucher 03.09.2018

Das gebe es nicht so schnell in der Bundesrepublik, dass 18 von 22 ausstellenden Künstlern bei der Vernissage anwesend seien, sagte Kurator Martin Bauch in Süßen bei der inoffiziellen Eröffnung der neuen Kulturhalle, zu der viele Besucher gekommen waren. „Ich bin überwältigt“, so Marc Kersting, Vorsitzender des Vereins zur Förderung von Kunst und Kultur Süßen und Bürgermeister, in seiner Begrüßungsrede. Verein und Stadt hätten mit einem Experiment beginnen und gleichzeitig im Rückgriff auf die Bildhauerklassen 1983, 1985 und 1987 von Professor Jürgen Brodwolf und Professor Otto H.  Hajek die heutigen aktuellen Wege der damaligen Studierenden, die damals in Süßen gearbeitet hätten, zusammenführen wollen.

Den Ausstellungsmachern ist dies exquisit gelungen, zumal sie mit der neuen Kulturhalle in Süßen ein grandioses, aber doch klassisches, adäquates modernes Gebäude zur Verfügung haben, von der manche Kunsthalle nur träumen kann und in der die Exponate wie selbstverständlich zum Dialog einladen. „Kunst und Kultur eröffnen Horizonte und sind unverzichtbar in einer Demokratie, weil sie auch Herrschaft und Macht in Frage stellen und gleichzeitig zu Offenheit, Dialog und Toleranz einladen“, sagte Kersting. Er dankte Martin und Edith Bauch für die Organisation dieser einen Woche Ausstellung, in der die noch fehlenden Bauarbeiten für die Halle unterbrochen werden. Die Bauchs seien tausende Kilometer gefahren, hätten die Künstler besucht und alles koordiniert.

Kurator Martin Bauch ließ die Zeit der früheren Symposien mit der Arbeit in den Süßener Werkstätten, in der die Studenten wie selbstverständlich gearbeitet hätten, Revue passieren. Er stellte die Werke und die 22 Künstler – 18 waren anwesend – als Antennen ihrer Zeit, die viele Wege gegangen seien, einzeln vor. Er verband damit die Hoffnung, dass diese Ausstellung, deren Exponate und Skulpturen sowohl vor der Halle als auch innen zu sehen sind, gedankliche Prozesse auslösen und Freude an der modernen Kunst erzeugen werde.

Die beiden bekanntesten Künstler sind wohl Professor Jürgen Brodwolf, der durch Guckkästen Szenarien mit Tubenfiguren als Chiffre für die menschliche Situation zeigt, und die Konzeptkünstlerin Karin Sander. Sie war vor über 30 Jahren Teilnehmerin in der Klasse Brodwolfs, sie lebt und arbeitet in Zürich und Berlin und präsentiert Ausstellungen beispielsweise in der Staatsgalerie Stuttgart oder im MoMa (Museum of Modern Art, New York). Sie ist als 3-D-Bodyscan der lebenden Person im Maßstab 1:5 in der neuen Süßener Kulturhalle zu sehen.

Den Besucher erwartet außerdem eine Lichtinstallation von Joachim Fleischer, der durch das Münster-Scanning in Ulm oder durch seine Installationen mit Robotern international bekannt wurde. Zu Arbeiten, die eine Responsion auf gesellschaftliche Entwicklungen geben, gehören etwa ein menschliches und ein tierisches Künstlerpaar des Professorenteams Mathias Antlfinger/Ute Hörner oder eine ironische Arbeit von Ekkehart Panek zum menschlichen Optimierungswahn.

Stillleben in Form einer Videoinstallation, eine Bodenarbeit aus Stahl mit Bezug zum Mauerfall, eine Fotoarbeit mit dem Titel „Geigerles Lotterbett“, eine geometrische Installation, eine aus Worten und Zeichen zusammengesetzte geometrische Fläche mit Überführung in eine andere Kunstform, eine Aktions-Arbeit mit Klebeband oder eine interaktive Arbeit zum Anfassen sind nur einige der vielen und vielfältigen Werke, die gezeigt werden. „Der Künstler macht Denken sichtbar in einem Dialog“ – dieses Zitat von Hajek galt im Besonderen für die inoffizielle Eröffnung der neuen Kulturhalle, die von der Band „Wüstenblume“ umrahmt wurde. Die Ausstellung ist bis 9. September zu sehen.

Mit Kunstschaffenden ins Gespräch kommen

Öffnungszeiten Die Ausstellung in der Kulturhalle Süßen endet am Sonntag, 9. September, mit einer Finissage (19.30 Uhr). Geöffnet ist die Schau Montag bis Samstag jeweils von 14 bis 20 Uhr und  am Sonntag ab 11 Uhr.

Künstlertreffs Bei Gesprächen können Besucher mit den Künstlern in Kontakt kommen. Montag: Daniel Wenk, Dienstag: Karin Sander, Mittwoch: Christian Bilger, Donnerstag: Gert Wiedmaier, Freitag: Michael Deiml, Samstag: Christoph Frick. Beginn jeweils 18 Uhr.

Kunstvermittlung Noch freie Plätze gibt es beim Projekt „Kleben zum Sehen“ für Kinder von 11 bis 14 Jahren am Dienstag von 10 bis 15 Uhr. Auch für das Kunst- und Technik-Projekt Tageslichtmischmaschine von Donnerstag bis Samstag (jeweils 9 bis 16 Uhr) sind noch Anmeldungen möglich per E-Mail an carmela.varga@suessen.de.

Konzeptkunst Werner Meyer, Leiter der Kunsthalle Göppingen, erörtert Konzeptkunst am 4. September um 18 Uhr in der Neuen Kulturhalle Süßen.

Ausstellende Künstler 22 Künstler sind in der neuen Kulturhalle in Süßen dabei: Mathias Antlfinger/Ute Hörner, Johannes Bierling, Christian Bilger, Jürgen Brodwolf, Martin Conrath/Marion Kreißler, Michael Deiml, Joachim Fleischer, Christoph Frick,  Ulrike Hein, Andreas Helmling, Ingerid Ljosland, Beate Ludwig, Gerold Miller, Peter Odenwaeller, Ekkehart Panek, Anke Pfisterer, Olaf Probst, Karin Sander, Brankjo Smon, Markus F. Strieder, Daniel Wenk, Gert Wiedmaier.

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