Reportage Mit "KiTec" entdecken Schüler die Welt der Technik

Göppingen / VON INGE CZEMMEL 20.08.2016
Sägen, hämmern, schrauben, feilen - nach einem mehrwöchigen "KiTec"-Projekt beherrschen die Zweitklässler der Ursenwang-Grundschule das aus dem Effeff.

Warte! Ich halte den Nagel mit der Zange und dann haust du mit dem Hammer drauf!“ „Wie ausgefuchst ist das denn“, denkt sich der Zuschauer, wenn er den Zweitklässlern der Ursenwang-Grundschule bei der Arbeit zusieht. Die 18 Kinder der Klasse wurden in Gruppen aufgeteilt und sind  dabei, gemeinsam eine Stabpuppe herzustellen. Dabei lernen sie, richtig mit Werkzeugen umzugehen und haben am Ende den  „Werkzeugführerschein“ in der Tasche.

„Unsere Puppe heißt Lilli“, verrät Bianca strahlend und wirft einen vorwurfsvollen Seitenblick auf Roman. „Die Säge quietscht! Du drückst zu stark!“ In jeder Schülergruppe gibt es einen Gruppenleiter, einen Zeitwächter, einen Materialwächter und einen Regelwächter. Die Kinder nehmen ihre Aufgaben und Verantwortungen sehr ernst und sind mit geröteten Bäckchen und glänzenden Augen mit Feuereifer am Werk.

Die Stabpuppe und der Werkzeugführerschein waren die ersten Ziele des KiTec-Projektes, das vor den Ferien über mehrere Wochen immer wieder montags für die Zweitklässler angesagt war.

KiTec bedeutet „Kinder lernen Technik“ und ist ein Projekt, das durch eine Bildungspartnerschaft zwischen einem Betrieb und einer Schule zustande kommt. In der Ursenwang-Grundschule engagiert sich die Firma Schuler, die auch den Klassensatz an KiTec-Kisten zur Verfügung gestellt hat. „Als wir die Kisten mit den Werkzeugen, den Holzteilen und Hilfsstoffen wie Nägeln, Schrauben, Kleber öffneten, sah ich bei den Kindern genau die wachen interessierten Augen, die ich mir oft im Deutsch- oder Matheunterricht wünsche“, erzählt Klassenlehrer Jan-Christoph Bernsau schmunzelnd und fährt fort: „Ich orientierte mich an den Projektschritten, die KiTec vorgibt. Jedes Kind hat einen speziellen Projektordner, für den es zu Beginn ein eigenes Deckblatt gestaltete. Bevor die Kinder ihre KiTec-Kisten in Empfang nehmen und ihr Werk beginnen durften, musste zuerst die Skizze der Stabpuppe sauber und vollständig gezeichnet sein.“

Wichtig war: Jede Gruppe stellt eine Stabpuppe her, nicht jeder Schüler seine eigene. Zunächst wurden die Sicherheitsregeln besprochen, die übrigens vor jeder KiTec-Stunde wiederholt werden. Anschließend lernten die Kinder die einzelnen Werkzeuge mit Namen kennen. Dann wurde der Inhalt der Kisten besprochen und wie die unterschiedlichen Werkzeuge benutzt werden.

Nach Fertigstellung der Stabpuppen machten sich die Gruppen am KiTec-Nachmittag an die eigentliche Aufgabe des Projektes: Die Entwicklung und den Bau einer „Stadt der Zukunft“. Die Bauvorhaben, auf die sich die Kinder festgelegt haben. sind eine Schule, ein Hochhaus, ein Freibad und ein Haus der Tiere. Zunächst müssen die Entwürfe gezeichnet werden: „Wie hoch soll das Hochhaus denn werden?“, wirft Frieda die Frage in ihre Teamrunde.  „Am besten wir sehen mal nach, wie lange die längsten Hölzer sind“, meint Roman pragmatisch. Anna-Lena misst die Länge der Latten sauber ab. Ups! Sie sind länger, als die Heftseite hoch. Was nun? Absägen? „Wenn wir sie absägen, ist es kein Hochhaus mehr“, gibt David zu bedenken. Also das Ganze kleiner zeichnen und die richtigen Maße daneben schreiben. „Wie hoch soll die Tür werden?“ Die Gruppe einigt sich, dass ein Playmobilmännchen durchpassen muss.

Auch bei den Planern des Freibades, der Schule und des Zoos wird getüftelt und überlegt. Ideen gibt es jede Menge, aber lassen sie sich auch umsetzen? Wie sollen später die Einzelteile zusammengefügt werden? Nageln, schrauben oder kleben? Wie machen wir die Wände? Rechnen, diskutieren, sich etwas vorstellen, beschreiben, messen, erklären, zeichnen, formulieren, sich untereinander einigen.

KiTec ist nicht nur ein fächerübergreifendes Projekt, sondern auch von Gruppendynamik und sozialem Lernen geprägt. Während der Konzeption und der Bauphase müssen auftretende Probleme gelöst und kleine Malheure behoben werden. Lernen durch Machen und Ausprobieren ist die Devise. Jan-Christoph Bernsau greift nur im Notfall ein. Tipps gibt es auf Nachfrage. „Es wackelt!“ Das Schulgebäude stellt sich als nicht standfest genug heraus. Immer wieder löst sich eines der Verbindunghölzer. Nachdenklich betrachtet einer der Jungs das Holz und kommt zu dem Schluss: „Die Nägel sind zu kurz! Wir brauchen längere Nägel!“ Oder vielleicht doch lieber Schrauben und zur Sicherheit noch ein bisschen Klebstoff?

Beim Freibad-Team stellt sich die Verkaufsöffnung des Pommesstandes als schwierigstes Problem heraus. Die Kinder wollen das Fenster nicht nur aufmalen. Sie möchten eine echte viereckige Öffnung und schaffen es schließlich auch. Wie viel Kreativität in Zweitklässlerköpfen steckt, zeigt die flexible Rutschbahn: Wie steil sie ist, kann für Erwachsene und Kinder angepasst werden. Der Sprungturm hat echte Stufen und Alina ist gerade hingebungsvoll dabei, das Basketballkörbchen für das Basketballfeld zu bemalen.

Als die Gebäude stehen, geht es an die Details. Die „Resteverwertung scheint am meisten Spaß zu machen und die Ideen sprudeln nur so. Wippen, Betten und Karussells als Sitzgelegenheiten in der Schule, kleine Brücken, Fahrzeuge, Brunnen und andere Accessoires entstehen. Am Ende baden auf der Dachterrasse des Hochhauses Playmobilfiguren im Pool und spielen im Sandkasten. In der Schule steht ein Schokobrunnen und allerorts sind strahlende Gesichter zu sehen.

Auch Jan-Christoph Bernsau ist begeistert davon, was seine Schüler und Schülerinnen zustande gebracht haben: „Ein tolles Angebot mit tollem Material“, schwärmt er von den KiTec-Kisten. „Die Chance, die von der Firma Schuler mit KiTec geboten wird, darf man als Schule nicht verschlafen.“ Die Kisten, für die Material nachgeordert werden kann, enthält neben Werkzeug und Material auch Lehrermaterial und Anleitungen. Ein typischer KiTec-Nachmittag läuft in mehreren Phasen ab. Zunächst erinnert der Lehrer an die Sicherheitsregeln und die Konsequenzen bei Nichteinhaltung. Er erklärt noch einmal, wie bestimmte Werkzeuge einzusetzen sind und wie Gruppenarbeit funktioniert. Während der Arbeitsphase gibt es kleine Klassentreffen an einem Gruppentisch, wenn dem Lehrer etwas aufgefallen ist, das für alle Gruppen von Bedeutung ist. Zwischendurch geben die Kinder kurze Rückmeldung über den Arbeitsverlauf und aufgetretene Schwierigkeiten. Nach dem Aufräumen treffen sich alle und jedes Kind formuliert, was es gelernt hat und was es sich fürs nächste Mal vorgenommen hat.

„Schön ist an dem Projekt auch, dass man die Kinder von einer ganz neuen Seite kennen lernt“, meint Bernsau. „Da haben sonst schüchterne Kinder plötzlich tolle Ideen und kommen aus sich heraus.“

Kreativität entwickeln und Grundkenntnisse erwerben

Wissensfabrik: Mehr Wissen, mehr Können, mehr Zukunft – rund 120 Unternehmen und Stiftungen machen sich in der Initiative Wissensfabrik – Unternehmen für Deutschland e.V. gemeinsam für Bildung und Unternehmertum stark. Mit dem Projekt „KiTec – Kinder entdecken Technik“ unterstützt die Initiative den Wissensdurst und Forscherdrang von Grundschulkindern. Dazu haben die Kooperationspartner eigens eine Werkzeug- und Materialkiste entwickelt, die problemlos in jedem Klassenzimmer eingesetzt werden kann.

Kooperation: Wie kommen Grundschulen zu einem KiTec-Projekt? Zunächst wird mit einem Unternehmen in der Region, das an der Initiative Wissensfabrik beteiligt ist, eine Kooperationsvereinbarung über eine Bildungspartnerschaft abgeschlossen. Der Verantwortliche für das Projekt im Unternehmen besucht eine dreitägige Multiplikatorenschulung. Die Partner-Grundschulen erhalten KiTec-Kisten mit Werkzeugen und Materialien im Klassensatz sowie ein Lehrer-Handbuch. In einer Schulung bereitet der Projektverantwortliche die Lehrkräfte darauf vor, das KiTec-Projekt im Unterricht umzusetzen. Die Kinder können ihrem Tatendrang freien Lauf lassen und  begreifen durch das praktische Tun physikalische Zusammenhänge, entwickeln Kreativität und erwerben nebenbei Grundkenntnisse in unterschiedlichen Technikbereichen.

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel