Kunsthalle Mirjam Völker: Magie verlassener Baumhäuser

„Warte“ (2017) lautet der Titel dieser Acrylarbeit von Mirjam Völker, die sie mit vielen anderen Gemälden zusammen jetzt beim Kunstverein Göppingen ausstellt.
„Warte“ (2017) lautet der Titel dieser Acrylarbeit von Mirjam Völker, die sie mit vielen anderen Gemälden zusammen jetzt beim Kunstverein Göppingen ausstellt. © Foto: courtesy Galerie EIGEN + ART Leipzig/Berlin
Göppingen / Marcus Zecha 01.12.2018

Jägerstände und immer wieder Baumhäuser. Mal geben sie dem Baum ihr charaktervolles, farbiges Gepräge, scheinen sich am Holz empor zu schwingen, sich im Dickicht der Natur zu behaupten, mal sind sie morsch, drohen im Gewirr der Äste zu verschwinden oder werden von ihren Wurzeln durchdrungen. Nie aber sind die Häuser bewohnt, der Kontakt zu ihren Schöpfern ist offenbar längst abgebrochen. Bizarre Impressionen, pittoreske Kulisse oder die Landschaft nach der großen Katastrophe? Die Antwort bleibt offen.

Mirjam Völkers Bilder, handwerklich gekonnt und kunstvoll ausgereift zwischen Realismus und Surrealismus, erinnern an die Neue Leipziger Schule. Und tatsächlich war Völker von 2008 bis 2010 Meisterschülerin von Neo Rauch, dem wohl bedeutendsten Vertreter dieser Strömung. Jetzt sind ihre meist großformatigen Arbeiten beim Kunstverein in der Kunsthalle Göppingen zu sehen.

„Halbdunkel“ lautet der Titel der Ausstellung, und Halbdunkel deutet auch den Schwebezustand an, den die Künstlerin in ihren faszinierenden Arbeiten einfängt. In ihren mehrdeutigen Bildern wendet Mirjam Völker virtuos das Repertoire an zeichnerischen und malerischen Mitteln an. „Mirjam Völker schafft mit feinstem Pinselstrich so illusionistische Stofflichkeiten, Plastizität und Oberflächen, dass man nahezu meint, man könne diese anfassen“, heißt es in einer Pressemitteilung des Kunstvereins. So werde der Übergang von Bildraum zu Ausstellungsraum fließend. „Was im ersten Moment wie Fotorealismus anmutet, bringt den Blick des Betrachters durch die unterschiedlich gebrochenen Raumachsen schnell ins Taumeln. Nähe und Ferne sind nicht klar zu differenzieren und so treiben Mikroskop und Fernglas gemeinsames Spiel.“ Diese „magische Ästhetik“ löst beim Betrachter eine eigenartige Faszination aus. Die Arbeiten „bewegen sich auf einem schmalen Grat zwischen Traumwelt und Naturschönheit“.

Die bewusst gewählten Titel der Arbeiten – wie beispielsweise der großformatigen Zeichnung Untiefe (2013) – unterstützen diese Doppeldeutigkeit noch. Denn „Untiefe“ bedeutet sowohl eine gefährlich seichte Stelle für die Schifffahrt als auch eine unergründliche Tiefe im Gewässer.

Die Spannungen der Gegensätze üben einen ganz eigenen Reiz aus: Natur und Zivilisation, Nah- und Fernsicht, Intimität und Monumentalität, Entstehen und Vergehen, Hell und Dunkel, Verdichtung und Auflösung durchdringen sich hier und gehen eine unauflösliche Verbindung ein.

Der Kunstverein Göppingen präsentiert in der Jahresausstellung 17 meist großformatige Arbeiten von Mirjam Völker. Eröffnung in der Kunsthalle Göppingen ist am Sonntag, 2. Dezember, ab 18 Uhr. Das Grußwort wird Almut Cobet, Erste Bürgermeisterin der Stadt Göppingen, sprechen. Veronika Adam, Kuratorin der Ausstellung und Künstlerische Leitung des Kunstvereins Göppingen, wird in die Werke einführen. An diesem Abend werden auch die Jahresgaben des Kunstvereins Göppingen gezeigt, darunter ein Siebdruck von Mirjam Völker.

Rahmenprogramm und Öffnungszeiten

Lesung Im Rahmenprogramm zur Ausstellung des Göppnger Kunstvereins findet am Mittwoch, 12. Dezember, ab 19 Uhr eine Lesung und am Sonntag, 6. Januar, ab 15 Uhr ein Künstlergespräch statt.

Öffnungszeiten Di-Fr 13-19 Uhr, Sa und So 11-19 Uhr und nach Vereinbarung. Mo geschlossen (bis 6. Januar).

Zur Person Mirjam Völker

Vita Mirjam Völker, geboren 1977 in Wiesbaden, studierte an der Kunstakademie der Johannes Gutenberg Universität in Mainz und an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig. Von 2008 bis 2010 war sie Meisterschülerin von Neo Rauch.

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