Vor 50 Jahren herrschte an der Stuttgarter Straße Hochbetrieb. Bis zu 2500 Menschen arbeiteten hier allein für den traditionsreichen Maschinenbauer Boehringer. Es war die Boomzeit der Branche. Dieser Glanz ist verblasst. Zwar haben sich auf dem Gelände einige Mieter gefunden – unter anderem der Boehringer-Nachfolger MAG. Doch die Arbeitsplatzdichte ist gering.

Für die Stadt Göppingen ist das Boehringer-Areal Chance und Herausforderung zugleich. Denn hier gibt es noch die Gewerbeflächen, die andernorts händeringend gesucht werden. Einfach wird das nicht, das kristallisiert sich nach der aktuellen Bestandsaufnahme einmal mehr heraus. Die Wüstenrot Haus- und Städtebau GmbH hatte den Auftrag für die vorbereitenden Untersuchungen bekommen, die sie jetzt im Technischen Ausschuss vorstellte. Das Untersuchungsgebiet umfasste 68.000 Quadratmeter, was etwa der Fläche von zwölf Fußballfeldern entspricht.

Die auf dem Boehringer-Gelände stehenden Gebäude sind in meist schlechtem oder sehr schlechtem Zustand. Die Dächer sind oft undicht, die Tragekonstruktion verrostet, die Sockel feucht und die Haustechnik ist veraltet. Einfach abreißen und neu bauen ist aber auch nicht drin: Der Großteil der bis zu 110 Jahre alten Gebäude steht unter Denkmalschutz, der Erhalt sei im öffentlichen Interesse. „Die Gebäude dokumentieren die Geschichte des Industriebaus von der Kaiserzeit bis in die Nachkriegszeit“, heißt es in einer Stellungnahme des Landesdenkmalamts. Das Werk habe „hohe heimatgeschichtliche Bedeutung für die Industriekultur des Filstals“, aber auch architekturgeschichtliche Wertigkeit.

Nicht zuletzt deshalb ist die Stadt auf Hilfe angewiesen. Denn die städtische Tochter Businesspark Göppingen will die Grundstücke neu ordnen und verkaufen. Knapp zehn Millionen Euro müssten die Eigentümer laut der jetzt vorgelegten Kosten- und Finanzierungsübersicht für die vorbereitenden Sanierungsschritte berappen. Am Donnerstag soll der Gemeinderat festlegen, nach welchem Verfahren die Sanierung ablaufen soll. Die Gutachter von der Wüstenrot Haus- und Stadtbau GmbH empfehlen das klassische Verfahren. Bei der Vorberatung im Ausschuss gab es einiges Stirnrunzeln unter den Lokalpolitikern wegen der möglichen Fördersumme durch das Land. Denn obwohl der benötigte Förderrahmen auf knapp neun Millionen Euro geschätzt wird, sind bisher als Förderrahmen lediglich 2,25 Millionen anerkannt. Das würde bedeuten, dass 1,5 Millionen Euro in die Kasse zurückfließen.

Die Stadträte im Ausschuss witterten angesichts dieser Summe ein Risiko, denn schließlich sei man auf die sichere Förderung angewiesen. Doch sowohl der Wüstenrot-Mitarbeiter Timo Kugler als auch Baubürgermeister Helmut Renftle erklärten, dass der Förderrahmen im Laufe des auf 15 Jahre veranschlagten Sanierungsprozesses nach und nach erhöht werden könne, wenn das Ganze erst angelaufen sei. „Das Land möchte nicht von vorneherein zu viele Mittel binden“, sagte Renftle.

Und was kommt beim Grundstücksverkauf voraussichtlich wieder herein? Der aktuelle Bodenrichtwert für das Boehringer-Areal liegt laut Gutachtern bei 130 Euro pro Quadratmeter. Bei einer Gesamtfläche von 48.000 Quadratmetern ohne Verkehrsfläche läge der Erlös rechnerisch bei gut 6,2 Millionen Euro. Durch neue Regelungen für eine mögliche Bebauung ließe sich der Bodenrichtwert aber steigern, glauben die Gutachter.

Auch gegenüber tut sich was: IKK zieht ein


Die Entwicklung in dem Gewerbegebiet rund um das Boehringer-Grundstück nimmt Fahrt auf. Nördlich der Stuttgarter Straße und damit außerhalb des Sanierungsgebiets, liegt auch das ehemalige „Werk IV“ der Firma Boehringer. Ein Teil davon ist bereits für „Staufers Markthalle“ neu aufgebaut worden. Nun soll auch das benachbarte Gebäude wieder genutzt werden, wie Baubürgermeister Helmut Renftle jetzt den zuständigen Ausschuss informierte.

Es gebe ein Baugesuch, die ehemalige Fabrikhalle aufzustocken, zu modernisieren und mit der Klinkerfassade nach historischem Vorbild zu einem „Schmuckstück“ zu machen, so Renftle. In das Gebäude werde die Krankenkasse IKK mit 220 Mitarbeitern einziehen, berichtete der Baubürgermeister. Dazu kommen weitere Mieter, nach Informationen der NWZ handelt es sich dabei unter anderem um die Kreishandwerkerschaft.