120 Neuntklässler der Schiller-Realschule hatten sich am Dienstag bei nasskaltem Wetter zwischen ihrer Schule und dem Gedenkstein für die Opfer der Nazigewaltherrschaft im Schlosswäldle aufgereiht. Sie trugen die Bilder und Namen von jüdischen Frauen, Männern und Kindern, die während der Nazi-Diktatur in die Konzentrationslager deportiert wurden. Zum 70. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz erinnerten sie auf diese Weise an alle Opfer des Holocausts.

Oberbürgermeister Guido Till sagte: "Als Göppinger haben wir eine besondere Verantwortung gegenüber dem jüdischen Volk, denn auch hier geschah dieses Unrecht unter den Augen vieler Bürger", so das Stadtoberhaupt. "Insgesamt 100 Göppinger Juden waren am Ende der NS-Diktatur direkt aus ihrer Heimatstadt oder indirekt über unfreiwillige Zwischenaufenthalte deportiert worden." 91 wurden Opfer des Holocausts. Das dürfe nicht in Vergessenheit geraten, so Till.

Schüler der Schiller-Realschule sind seit vielen Jahren an der Gedenkveranstaltung beteiligt. An ihrer Schule hängt auch eine Erinnerungstafel: Im November 1942 wurden viele jüdische Bürger der Stadt in der Turnhalle der Schule zusammengetrieben und in die Konzentrationslager gebracht.

Gedenken der Jugend ist keine Selbstverständlichkeit

Die Konrektorin Renate Barnert sagte, das Gedenken der Jugend sei keine Selbstverständlichkeit. "Jede neue Generation muss sich das immer und immer wieder neu erarbeiten", sagte sie, "im Sinne eines ,Nie Wieder'".

Die Neuntklässler thematisierten dann nicht nur den Nazi-Terror. Sie hatten sich gefragt, ob es auch heute noch alltägliche Diskriminierung gibt. Und sie wandten sich klar gen die "Pegida"-Bewegung. "Wir dachten, dass bestimmte Gedanken lange überwunden sind, aber Pegida gibt ihnen Gelegenheit aus der Verdrängung wieder ans Tageslicht zu kommen", sagte eine Schülerin. Ein anderer kündigte an: "Sollte es je in Göppingen eine Pegida-Veranstaltung geben, wären wir direkt bei einer Gegendemonstration dabei."

Schließlich hatte auch die Losung "Je suis Charlie" ihren Platz auf den Blättern, die die Realschüler in den Händen hielten. Sie gedachten angesichts der Attentate von Paris auch den aktuellen Opfern von rassistischer und religiöser Intoleranz. OB Guido Till sagte: "Die Verfolgung und Ermordung von Andersgläubigen, seien es Juden, Christen und Muslime sowie Angriffe auf Meinungs- und Pressefreiheit werden wir nicht dulden."

Die Teilnehmer der Gedenkfeier vor der Schiller-Realschule und die Jugendlichen der Menschenkette trafen sich dann im Schlosswäldle vor dem Mahnmal für die Opfer der Nazi-Gewaltherrschaft. Rafael Mizrahi entzündete zusammen mit dem OB und einigen Stadträten Kerzen und gedachte in einem Gebet der Toten der Konzentrationslager.