Faurndau Memento Mori mit Lichtinstallation

Text, Musik, Schauspiel, Lichtinstallation und theologischer Hintergrund bildeten in der Aufführung von Hugo Distlers „Totentanz“ in der Stifts­kirche Faurndau eine wirkungsmächtige Einheit.
Text, Musik, Schauspiel, Lichtinstallation und theologischer Hintergrund bildeten in der Aufführung von Hugo Distlers „Totentanz“ in der Stifts­kirche Faurndau eine wirkungsmächtige Einheit. © Foto: Giacinto Carlucci
Faurndau / Annerose Fischer-Bucher 05.04.2017

Es waren fünf unmerklich ineinander verwobene Ebenen, die in der Aufführung von Hugo Distlers „Totentanz“ bei den Besuchern in der voll besetzten Faurndauer Stiftskirche sicher einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben.

In den 14 Sprüchen von Angelus Silesius spiegelt sich unter dem Eindruck von Dreißigjährigem Krieg und Pest die barocke Ermahnung, der Mensch möge an den Tod und an die Nichtigkeit alles Irdischen (vanitas) denken. Der 26-jährige Hugo Distler hat den Text 1934 vertont und für Flöte solo kurze Variationen über das Lied „Es ist ein Schnitter, heißt der Tod“ dazwischengeschoben.

Eine dritte Ebene bildete der Anlass 500 Jahre Reformation mit theologischen Impulsen durch Pfarrerin Katharina Rilling.

Eine vierte Ebene umfasste die szenische Aufführung mit Amateurschauspielern aus dem Landkreis Göppingen und einer Lichtinstallation unter der Regie von Birgit Schuck und eine fünfte die Interpretation durch den Kammerchor Capella Nova unter Gerald Buß, die den Bezug zum Jetzt und Heute herstellten.

Der Handlungskern des Totentanzes ist schnell erzählt. Der Tod ruft nacheinander Menschen unterschiedlichen Standes und Alters zum Tanz und hält ihnen vor, was sie im Leben falsch gemacht haben. Kaiser, Bischof, Edelmann, Arzt, Kaufmann, Landsknecht, Schiffer, Klausnerin, Bäuerin, Jungfrau, Greis und Kind (Dorothea), für das die Mutter (Magdalena Bayer) spricht – alle haben Ausreden oder Gründe, warum sie nicht mitgehen wollen.

Dennoch müssen sie, die sie jeweils aus der Mitte der Zuschauer im Kirchenschiff hervortreten, mit dem in Blau gekleideten weiblichen Tod (hervorragend dargestellt durch Julia Keller) ihre letzte Reise antreten, denn ihre Zeit ist abgelaufen, was durch moderne im Kirchenschiff hängende Uhren mit unterschiedlichen Zeiten und durch ein tickendes Metronom symbolisiert wird. Die rote (warme) Installation im Chorraum wurde jedes Mal blass und die blaue (kalte) Farbe an den Kapitellen unterstrich die Zeitlosigkeit des Geschehens, dass jeder Mensch einmal sterben muss.

Der Kammerchor Capella Nova unter der Leitung von Kirchenmusikdirektor Gerald Buß schaffte es bravourös, Hugo Distlers Musik im teils neoklassizistischen Stil mit scharfen Kontrasten, überraschenden Harmonien, mit aphoristischer Kürze, ostinaten Formen und vielen Dissonanzen umzusetzen. Die Flöte (Malina Bar-Lev) zwischen den Dialogen gab den Zuhörern dann eine kurze Möglichkeit zur Reflexion. Viel Beifall für eine außergewöhnliche Aufführung.

Annerose Fischer-Bucher

Bezüge zu Mittelalter und Nationalsozialismus

Totentanz Die von Hugo Distler (1908-42) vertonten Worte des barocken Mystikers Angelus Silesius, ergänzt durch mittelalterliche Verse aus dem Lübecker Totentanz, schaffen eine Verbindung zwischen Distlers Erfahrungen im Nationalsozialismus und existentiellen Erfahrungen der Menschen aller Zeiten. Die Uraufführung des „Totentanzes“ fand am 24. September 1934 in der Lübecker Katharinenkirche statt.

Hugo Distler Am 14. Oktober 1942 erhielt Hugo Distler seinen sechsten Gestellungsbefehl (fünf Mal zuvor konnte er die Befehle abwenden). Am 1. November 1942 fuhr er von Strausberg nach Berlin, um den Gottesdienst im Dom noch einmal musikalisch zu begleiten. Danach begab er sich zu seiner Dienstwohnung, wo er seinem Leben ein Ende setzte.

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