„Über 230 Medikamente fehlen“, berichtet Philipp Wälde, Inhaber der Hirsch Apotheke in der Göppinger Marktstraße, „alles.“ In der Apotheke liegen mittlerweile Flyer aus, die die Kunden über das Fehlen der Medikamente aufklären sollen. Dies bedeute zusätzliche Arbeit für die Apotheker. Mehr Zeit, Aufwand und Mühe, die im Bereich der Kundenberatung und der Problemlösung im Kontakt mit Ärzten, Herstellern und den Kunden aufgebracht werden müssen.

Rezepte stapeln sich in der Apotheke

Viele Rezepte mit zurzeit nicht lieferbaren Medikamenten stapeln sich beispielsweise auch in der Bären Apotheke in Ursenwang. Anja Bertz, Inhaberin und Fachapothekerin, beklagt ebenfalls den zusätzlichen Aufwand, der durch den Medikamentenmangel entsteht. Sie sieht darin einen Betrug am Patienten und spricht von einem „Armutszeugnis für Deutschland.“ Doch die Apotheker bekommen für die zusätzliche Arbeit keine Aufwandsentschädigung von der Krankenkasse.

Interview mit Apothekerin Kathrin Schweizer Lieferengpässe bei Medikamenten

Metzingen

Darum fordert der Vorstand der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA) eine Honorierung für die Apotheken für die zusätzliche Arbeitszeit und die dadurch aufkommenden Personalkosten. Unter anderem fordert die Apothekerschaft Transparenz bei Lieferengpässen bei pharmazeutischen Unternehmen und im Großhandel, die vermehrte Produktion der Medikamente in Europa und unter europäischen Standards und das mehrfache Vergeben von Rabattverträgen der Krankenkassen. Ebenfalls soll es für die Patienten zu keinen Zusatzzahlungen kommen, falls das benötigte Medikament nicht verfügbar ist. Zusätzlich sollen die Exporte von Medikamenten in andere Länder bei Engpässen beschränkt werden können, um eine ständige Vorrätigkeit gewährleisten zu können.

Gesamtsituation ärgert die Patienten

„Die Situation ist unbefriedigend“, beschreibt Wälde den Zustand. Die Kunden wüssten jedoch Bescheid und seien verständnisvoll, doch die Gesamtsituation ärgere die Kunden trotzdem. Steht ein Medikament nicht zur Verfügung, muss dies oft mit wirkstoffgleichen Mitteln ersetzt werden oder, falls zugelassen, mit einer anderen Dosierung gearbeitet werden. Doch durch Unverträglichkeiten ist das Ersetzen nicht immer möglich.

Schuld an den Lieferengpässen seien vor allem die Sparpolitik von den Krankenkassen und Politik, so die ABDA. Durch Rabattverträge zwischen Kassen und Herstellern erhalten nur die günstigsten Hersteller den Zuschlag für einen bestimmten Wirkstoff. Für andere Hersteller wäre es dann nicht mehr lukrativ, den Wirkstoff ebenfalls zu herzustellen und die Produktion wird eingestellt. Hinzu kommt, dass die Hersteller im nicht-europäischen Ausland produzieren, vor allem im asiatischen Raum wie China und Indien.

Engpass bei Equipment gegen Corona-Virus

Anja Bertz sieht das Problem ebenfalls in den Rabattverträgen der Krankenkassen mit den Herstellern. Sie wünscht sich eine Herstellung der Medikamente in Europa, um eine Billigspirale nach unten zu verhindern. Es müsse ein bewussteres Verordnen stattfinden, weg von der Leitlinie und hin zum individuellen Patienten und zu einer individuellen Therapie.

Auch bei dem sich zurzeit rasant ausbreitenden Corona-Virus gebe es Engpässe, insbesondere bei stark nachgefragten Utensilien zum Schutz vor einer Infektion: Mundschutz und Desinfektionsspray seien mittlerweile auch nicht mehr lieferbar. Eine Lösung sei jedoch nicht in Sicht. Finanziell sei es einfach noch nicht möglich, die Produktion wieder nach Europa zu verlagern.

„Globalisierung macht Lösung schwer“

Für Stephanie Funk, Inhaberin der Schiller-Apotheke in Göppingen, ist es jedoch unwahrscheinlich, dass dies möglich ist. Aufgrund der Globalisierung sei eine Lösung schwer. Sie prophezeit, dass es zukünftig mit dem Medikamentenmangel noch schlimmer werde im Hinblick auf China und die dortigen Zustände.

Frankfurt/Main/Peking

Die AOK verteidigt die Rabattverträge


Versorgungssicherheit Laut Pressestelle der AOK-Bezirksdirektion Neckar-Fils seien die Verträge wichtig, um die Versorgungssicherheit zu gewährleisten. Dadurch könnten die Hersteller planen und wüssten ziemlich genau, wie viel Medikamente sie produzieren müssten. Hersteller, die nicht verlässlich liefern können, werden sanktioniert oder sogar von der vertraglichen Versorgung ausgeschlossen“, sagt Heike Kalfass, Geschäftsführerin der AOK-Bezirksdirektion Neckar-Fils. Bei Arzneimitteln, für die es einen AOK-Rabattvertrag gäbe, liege der Anteil der lieferbaren Präparate bei 97,7 Prozent. msc