Serie Martin Kurz vom Saukarle "lebt die Kneipe"

Gastwirt Martin Kurz (rechts) in der Kneipe Saukarle. Seine Stammgäste schätzen die Gemeinschaft und den Zusammenhalt in der Ebersbacher Gaststätte.
Gastwirt Martin Kurz (rechts) in der Kneipe Saukarle. Seine Stammgäste schätzen die Gemeinschaft und den Zusammenhalt in der Ebersbacher Gaststätte. © Foto: Giacinto Carlucci
Ebersbach / MICHAEL SCHORN 24.07.2015
Sie kochen, sind Seelentröster, Berater, Freund: Gastwirte mit Leib und Seele. Sie sind auch Gastwirte für Leib und Seele ihrer Gäste. Unsere Zeitung stellt einige in einer Serie vor. Heute: Martin Kurz vom „Saukarle“.
In Schweinchenrosa erstrahlt die Außenfassade der Gaststätte „Tränke“ direkt neben dem Gelände der Ebersbacher Spedition Haller. „Der Name ,Tränke’ hat sich aber nie durchgesetzt. Alle sagen nur: ,Wir gehen zum ,Saukarle’“, erklärt der Wirt Martin Kurz, der den Namen quasi vererbt bekommen hat. Denn als „Saukarle“ landauf und landab bekannt war eigentlich Martin Kurz’ Vater, der Schweinehändler war. Dort, wo jetzt jeden Abend die Kneipengänger zechen, war früher der Schweinestall. „Als mein Vater die Schweinehaltung reduziert hat, haben wir vor 20 Jahren im Stall einen Hobbyraum eingerichtet“, erzählt der 50-jährige Wirt. Dort probten und spielten Bands, der ehemalige Stall wurde immer weiter ausgebaut.

Vor 18 Jahren hatte Martin Kurz dann Schwein: Er gewann am einarmigen Banditen in Stuttgart den Jackpot – etwa 16.000 D-Mark. Das Geld wurde in die Gaststätte investiert, war sozusagen das Startkapital. Ob er danach noch einmal am Spielautomaten sein Glück probiert hat? „Ja. Ein paar Mal. Aber ich hab’ nix mehr gewonnen. Sonst hätt ich heut’ schon ’ne Filiale“, meint Kurz schmunzelnd. Offiziell gibt’s die Wirtschaft jetzt seit 16 Jahren. Gute Seele des Hauses ist nach wie vor Martin Kurz’ Mutter Gretel. Die 79-Jährige schaut immer mal wieder im Gastraum vorbei. „Offiziell öffne ich so um 16.30 Uhr“, meint Martin Kurz. „Doch eigentlich machen meine Gäste immer selber den Laden auf. Wenn einer halt schon um 16 Uhr da ist, muss er auch nicht verdursten.“

Zwischen einem halben und einem Dutzend Gäste sitzen bereits am Nachmittag im leicht schummrigen Licht des Schankraums, genießen dort ihr Feierabendbier oder ihre Schorle. „Viele kommen zu mir, um nach der Arbeit wieder runterzukommen“, erzählt Kurz. Viele langjährige Stammgäste kehren beim Saukarle ein. Das Publikum ist bunt gemischt. „Hier kommen Selbstständige wie Angestellte hin und auch viele Motorradfahrer“, sagt Kurz. „Die Gäste sind meist so ab 40 plus und mögen Rockmusik.“ Denn die läuft eigentlich immer beim Saukarle – etwa einmal im Monat tritt auch eine Live-Band auf. „Betreutes Trinken“, nennt das ein Stammgast am Tresen, der mit anderen Frauen und Männern um 16.30 Uhr den Feierabend einläutet. „Das Gesamtpaket passt halt. Das ist unser zweites Wohnzimmer.“ Im Winter sorgt ein Holzkanonenofen für eine heimelige Wärme, gekickert werden kann kostenlos.

„Hier ist es stressfrei“, meint auch Renate Trüg, die schon jahrelang beim Saukarle ein- und ausgeht. „Auch als Frau kann man hier gut alleine hingehen, ohne ein schlechtes Gefühl zu haben. Und hier gibt’s ein gutes Netzwerk. Wenn jemand Hilfe braucht, sind die anderen auch für einen da.“

Hilfsbereit sei auch Martin Kurz. „Und großzügig“, meint Trüg. „So gegen acht Uhr abends schreit der Martin oft mal ,Partyalarm’ durch den Raum und dann gibt’s eine Runde Jägermeister aufs Haus. Dann geht’s hier richtig los.“ Geöffnet ist die Kneipe meist bis zwei Uhr nachts, am Wochenende kann es auch schon mal vier oder fünf Uhr werden – außer dienstags. Da ist Ruhetag.

Apropos Jägermeister. Wenn Live-Bands spielen, Schüler ihre Abschlussfeste am großen Grillplatz feiern oder am Vatertag das Haus voll ist – dann kann es für Kurz schon einmal kurz hektisch werden. „Er ist ein liebenswerter Chaot“, sagt Renate Trüg über ihren Lieblingswirt. „In Stresssituationen trinkt der Martin einfach einen Jägermeister und dann ist alles wieder gut.“

Das Wirtsein liege Martin Kurz übrigens im Blut, sagt er über sich selbst. „Mein Urgroßvater war schon Gastwirt und mein Onkel ist auch einer. Das ist kein Beruf, sondern eine Berufung. Ich lebe die Kneipe.“

Für die Gäste müsse man stets ein offenes Ohr haben. „Manchmal ist man auch Kummerkasten.“ Und wenn einer mal über die Stränge schlage, müsse man ihn auch zurechtweisen können. „Wenn sich Stress anbahnt, merk’ ich das im Vorfeld. Das ist Berufserfahrung. Aber es kommt bei uns sehr selten vor“, sagt der gelernte Metzger hinter der Theke.

Früher war er auch für sein gegrilltes Spanferkel bekannt. Aber das gibt’s momentan nicht – genauso wie die Telefonzelle im Garten. Die Idee zu ihr war wie fast alle anderen Projekte beim Saukarle am Tresen entstanden. Weil viele geschickte Handwerker in der Wirtschaft ein- und ausgehen, bauten sie eine alte Telefonzelle um. Statt einer Telefonverbindung kam ein Schwall Wasser aus dem Hörer – vor allem neue Gäste wurden von Martin Kurz ans Telefon gerufen.

Ein anderes Saukarle-Projekt war das Schwimmbad im vergangenen Jahr. „Einer hat Strohballen organisiert, ein anderer eine große Plane und ein Stammgast, der Baggerfahrer ist, hob ein großes Loch am Kinderspielplatz aus“, berichtet Kurz. „Für doofe Ideen sind wir beim Saukarle immer zu haben.“