An sich selbstverständlich: Am Ende der vierten Klasse sollten alle Schüler lesen können. Können sie aber nicht. Jeder fünfte Viertklässler in Deutschland hat Leseprobleme. Die Ergebnisse der neuesten internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (IGLU) stecken Bildungspolitikern, Eltern und Kindern noch in den Knochen.

Etwas tun können vor allem Eltern, indem sie ihren Kindern früh vorlesen und sich später auch von den Kindern vorlesen lassen. Unterstützt werden sie dabei von der Stadtbibliothek Göppingen. Aber: „Wir können den Kindern das Lesen nicht beibringen. Dafür ist die Schule da“, sagt Angela Asare, Leiterin der Stadtbibliothek. Die Kinder für Geschichten, für Bücher zu begeistern oder sie zumindest näher ans Gedruckte zu bekommen, das kann Asare mit ihrem Team aus hauptamtlichen und ehrenamtlichen Mitarbeitern. Freiwillige „Lesepaten“ nehmen Drei- und Vierjährige regelmäßig mit auf die „Geschichteninsel“ und lesen aus altersgerechten Büchern etwas vor. Mit fünf und sechs Jahren sollten die Buchstaben den Kindern näherkommen. „Eine ganz wichtige Phase“, sagt Asare.

„Aber nicht nur lesen ist wichtig, auch das Leseverstehen“, sagt Asare. Nach dem Vorlesen also zu wissen, was gerade gelesen wurde. Nacherzählen, Fragen zum Text stellen, all das fördert das Verständnis.

Auch für die, die es nicht so mit dem zwischen zwei Buchdeckeln gedruckten Wort haben, hat Asare etwas im Programm: Bilderbuch-Apps. Damit gibt es Bilder- und Kinderbücher aufs Smart-Phone. Egal, ob alte Konservendosen fressende Olchis oder die Wörterfabrik, in der Kinder mit Sprache spielen können. Die Bücher werden vorgelesen, dazu gibt es Spiele zum Mitmachen auf dem Display.

Und wer lesen kann, der muss trotzdem noch Informationskompetenz lernen. Also wie mit Büchern gearbeitet werden kann. „Ein Sachbuch lesen sie nicht immer von der ersten bis zur letzten Seite“, sagt Asare. Wie nutze ich ein Register, ein Inhaltsverzeichnis, um aus einem Buch die Informationen zu holen, die ich brauche?

Ganz groß raus kommt das Buch in der Stadt beim jährlichen große Vorlesetag, an dem Prominente und auch ganz normale Leute in Göppingen zuletzt rund 1000 Kindern etwas vorgelesen haben. Das wirkt allerdings nur dann, wenn es davor und danach weitere Angebote gibt und die Kinder weg von der Technik hin zum Buch gezogen werden, also Pippi Langstrumpf statt Playstation. Die Stadtbibliothek bietet Bilderbuchkino, Kindertheater und in den Sommerferien den Sommerleseclub mit großem Gewinnspiel. Viel-Leser sind dabei schnell auf der Gewinnerstraße, für jedes gelesene Buch darf ein Los in die Lostrommel. Zu gewinnen gab es Gutscheine, einen Ausflug nach Tripsdrill oder auch einen E-Book-Reader.

„Erzwingen ist schwierig, die Kinder sollten es auch wollen“, sagt Asare. Beim Wollen versucht sie aber nachzuhelfen. „Zehn- oder Elfjährige sind schwer bei der Stange zu halten.“ Zu kriegen sind sie manchmal doch, auch mit dem Smart-Phone. „Vorher gehörte Geschichten können die Kinder dann mit ihrem Gerät umsetzen, als Hörspiel oder Fotostory zum Beispiel.“ Und wer mal angebissen hat, kommt zum Lesenachmittag mit Detektivspiel am Samstag oder einem Kinder-Gespenster-Geburtstag.

Wem das immer noch nicht reicht, der kann im Kornhaus sogar übernachten. Bei einer Lesenacht mit Detektivspiel. Oder, schön gruselig, mit Gespenstern. In den alten Zeiten flitzten im Kornhaus die Mäuse zwischen den Getreidesäcken hin und her, heute wuseln nachts Kinder zwischen den Bücherregalen herum. Das Angebot gilt für Kinder zwischen acht und elf Jahren, und wer dann immer noch keine Lust auf Bücher, Geschichten, Helden und Abenteuer bekommt, dem ist kaum noch zu helfen.

Die „Iglu“-Studie und ihre Ergebnisse


Studie Die internationale Grundschulleseuntersuchung (Iglu) untersucht im Fünfjahresabstand das Leseverständnis der Schüler, ihre Einstellung zum Lesen und ihre Lesegewohnheiten. Im vergangenen Jahr nahmen insgesamt 47 Staaten und zehn Regionen teil.

Mittelmaß Im internationalen Vergleich sind die Leseleistungen deutscher Kinder laut neuester „Iglu“-Studie Mittelmaß. Jedes fünfte Kind erreicht nicht einmal mittleres Niveau.

Entwicklung Fünf Jahre zuvor bei der letzten Iglu-Studie wiesen nur vier Länder klar höhere Leistungsmittelwerte als Deutschland, jetzt sind es bereits 20 Staaten.