LEITARTIKEL · WIRTSCHAFT: Zwischen Talfahrt und Höhenflug

SUSANN SCHÖNFELDER 28.01.2012

Ist nach der Krise vor der Krise? Droht nach dem steilen Aufstieg schon wieder eine rasante Talfahrt? Den prognostizierten Schreckensszenarien zum Trotz blicken deutsche Unternehmen sehr optimistisch in die Zukunft. Das Schuldendebakel lässt hiesige Firmen offenbar kalt, die Stimmung ist deutlich besser als im Rest der Welt. Zu diesem Schluss kommt zumindest die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse-Coopers, die das Ergebnis einer Umfrage unter 1258 Topmanagern jetzt beim Weltwirtschaftsforum in Davos präsentiert hat.

Der Landkreis Göppingen macht da keine Ausnahme: In der vergangenen Woche jagte eine gute Nachricht die andere. Der Uhinger Automobilzulieferer Allgaier vermeldete den größten Umsatz in der Geschichte des Unternehmens, hat ein dickes Auftragspolster und rechnet auch in diesem Jahr mit einem weiteren Wachstum. Auch der Göppinger Pressenbauer Schuler bricht Rekorde und schnürt ein Investitionspaket von 50 Millionen Euro. Das Uhinger Unternehmen Kolberg zieht den größten Auftrag aller Zeiten an Land. Und auch die Agentur für Arbeit erlebt einen wohltuenden Höhenflug und blickt zuversichtlich nach vorn.

Die Meldungen aus dem Filstal sind wie Balsam für die Seele in einer Zeit, in der Experten jeden Tag mit neuen Wirtschaftsprognosen verwirren und Katastrophen heraufbeschwören. Ein gehöriger Schuss Skepsis ist da angebracht, weil eben niemand vorhersagen kann, wie es wirklich kommt.

Umso erfreulicher ist es, dass sich Firmenchefs im Landkreis nicht ins Bockshorn jagen lassen und trotz möglicher Eintrübungstendenzen zusätzliches Personal einstellen. Die Unternehmer haben endlich erkannt, dass qualifizierte Mitarbeiter ein hohes Gut sind. Arbeitnehmer - und natürlich auch die Gewerkschaften - haben also wieder gute Karten am Verhandlungstisch.

Bei aller Freude und Euphorie über die Erfolgsmeldungen aus der heimischen Wirtschaft ist aber nicht alles Gold, was glänzt: Der enorme Aufschwung zeigt, wie sehr das Wohl und Wehe des Filstals an die Industrie gekoppelt sind, wie sehr der Landkreis am Tropf der Autobauer hängt. Der viel zitierte Strukturwandel kommt leider nicht so recht in die Gänge. Doch gerade die Monostruktur ist es, die sehr krisenanfällig ist und das Filstal jedes Mal aufs Neue mächtig ins Trudeln bringt. Ein Umdenken tut deshalb Not - auch wenn momentan alles rund läuft. Menschen, die in Flauten um ihren Job bangen müssen, können ein Lied davon singen.