LEITARTIKEL · S-BAHN: Es fährt kein Zug nach Nirgendwo

SWP 14.01.2012

Es fährt ein Zug nach Nirgendwo" hieß einst ein Schlager von Christian Anders, der aber damit ganz sicher keinen prophetischen Blick auf die S-Bahn im Kreis Göppingen warf. Dann hätte er sein Lied auch "Es fährt kein Zug nach Nirgendwo" nennen müssen. Denn ungefähr so stellt sich die Situation im Moment dar. Im Prinzip hat sich am Status quo seit Jahren nichts geändert - schlimmer noch, neue Hiobsbotschaften lassen das Projekt in immer weitere Ferne rücken. Und das liegt nicht an den Kreispolitikern, die sich mittlerweile ziemlich einig sind, sondern an der Deutschen Bahn.

Jetzt sorgt eine neue Strophe im S-Bahn-Schlager - oder ist es ein Abgesang? - für Verwirrung und Ärger. Wenn der Landkreis nicht bis 2015 die notwendigen Züge bestellt, muss er geschlagene zehn Jahre auf eine neue Chance warten. Was nach einem schlechten Scherz klingt, ist 22 Jahre nach dem Ende der DDR und ihrer Planwirtschaft bittere Realität. Das Problem ist, dass die Bahn-Tochter DB-Netz es nicht schafft, ein längst zugesagtes Testat fertigzustellen. Dieser Prüfbericht soll Aufschluss über die Machbarkeit der S-Bahn im Filstal geben - ohne den Bericht und eingehende Prüfungen und Diskussionen kann der Landkreis natürlich keine Züge auf Verdacht bestellen. Sonst hätte er tatsächlich einen Zug - oder ganz viele Züge -, die nach Nirgendwo fahren.

Dabei gibt es ja schon eine Machbarkeitsstudie im Auftrag der IHK, doch die wurde mit Blick auf Stuttgart 21 wieder zurückgezogen. Nun ist guter Rat teuer. Und es drängt sich die Frage auf, wo denn eigentlich das Problem ist. Wurde im vergangenen Jahr nicht unentwegt behauptet, dass mit Stuttgart 21 auf jeden Fall eine attraktive S-Bahn-Verbindung bis Geislingen möglich würde? Auf welcher Datengrundlage wurde diese Aussage getroffen? Wurde dies nur verbreitet, um Stimmung im Umfeld von Landtagswahlkampf und Volksabstimmung zu machen? Offenbar ist gar nichts klar, sonst lägen die Karten doch längst auf dem Tisch.

Aber letztlich braucht sich niemand zu wundern. Die Bahn schafft es nicht einmal, Aufzüge in Eislingen oder Ebersbach halbwegs fristgerecht in Betrieb zu nehmen, stellt sich beim Bau von Stuttgart 21 selber ein Bein nach dem anderen, muss sich von Gerichten sagen lassen, welche Gesetze gelten. Da passt die S-Bahn-Posse gut ins Bild. Als hätte es Christian Anders schon 1972 geahnt: "Die Zeit verrinnt, die Stunden gehen, bald bricht ein neuer Tag heran. Noch ist es nicht für uns zu spät, doch wenn die Tür sich schließt, was dann?" DIRK HÜLSER