LEITARTIKEL · NOTFALLPRAXEN: Der gemachte Patient

SUSANN SCHÖNFELDER 27.04.2013

Irgendwie wird man den Eindruck nicht los, dass die Kassenärztliche Vereinigung (KV) sich gerade als Krankheitserfinder betätigt: Sie stellt eine gut funktionierende, rentabel arbeitende Notfallpraxis auf den Prüfstand, will sie zum Patienten machen, obwohl sie gesund ist. Engagiert hatten hiesige Ärzte an einem tragbaren Konzept getüftelt, wie im Landkreis der medizinische Bereitschaftsdienst am Wochenende so aufgestellt werden kann, dass Ärzte zufrieden und Patienten gut versorgt sind. Die Verhandlungen waren zäh, weil die KV ewig nicht wusste, was sie wollte. Doch die Göppinger Ärzte steckten sämtliche Nackenschläge weg und überzeugten letztlich die Südwest-KV. Diese segnete das Modell ab, die zentrale Notfallpraxis an der Klinik am Eichert ging vor zwei Monaten an den Start - und schreibt bereits Erfolgsgeschichte.

Jetzt würde man sich fragen: Und wo ist das Problem? Die Antwort: Es gibt keines. Zumindest nicht in Göppingen. Doch die KV kommt nach langem, undurchsichtigem Experimentieren nun offenbar in die Phase des Rechnens und Grübelns. Fatalerweise zu einer Zeit, in der die durchaus sinnvolle Verschlankung der Notfalldienstbezirke in Baden-Württemberg vielerorts bereits abgeschlossen ist. Mitten in der Umsetzung der Reform fällt der KV plötzlich ein, dass das neue System Geld kostet, viel Geld - auch deshalb, weil so manche Notfallpraxis mit Sparausstattung selbst zum Notfall wurde. Daher sollen nun alle Ärzte ab 2014 mit einer Umlage und Sonderabgaben zur Kasse gebeten werden, um die Löcher zu stopfen. Das ist ein Schlag ins Gesicht der Göppinger Mediziner, die ein vorbildliches System auf die Beine gestellt haben und nun den Kopf hinhalten müssen für das Missmanagement anderer Notfallpraxen. Zudem ist unklar, ob und wie sich die gut betuchten Krankenkassen beteiligen.

Vordergründig betrifft das leidige Hin und Her den Patienten nicht. Doch der Schein trügt: Die unausgegorene Reform verschlingt viel Geld - vor allem dann, wenn sie kostengünstige Strukturen zugunsten teurerer, von oben aufgedrückter zerschlägt. Einem kranken Menschen, der für ein Rezept zuzahlen muss oder bestimmte Leistungen aus der eigenen Tasche berappen muss, ist das nicht zu vermitteln. Das Hickhack um den Notfalldienst zeigt, dass offenbar genug Geld im Gesundheitswesen steckt - es ist nur falsch verteilt.

Die KV sollte ihre Fehler einsehen und schnell die Reißleine ziehen. Denn es wäre bitter, müsste man eine Grabrede auf die gesunde Göppinger Notfallpraxis halten.