Konzert Leichtigkeit und Transparenz

Göppingen / Annerose Fischer-Bucher 09.01.2017

Die inhaltliche Geschichte des Weihnachtsoratoriums nach Bibeltexten ist schnell erzählt. Ging es in den Teilen 1-3, den das Concerto Vocale und das Collegium Musicum der Göppinger Kantorei unter Klaus Rothaupt in der Stadtkirche Anfang Dezember aufführte, um die Geburt Jesu, so handeln die Teile 4 bis 6 - an Dreikönig in der Oberhofenkirche aufgeführt - von der Beschneidung und Namensgebung des Neugeborenen und vom Besuch der Weisen aus dem Morgenland, die ihre Gaben bringen. Die Falschheit von Herodes, der dem Kind nach dem Leben trachtet, und der Sieg des Glaubens über die „stolzen Feinde“ beschließt das Bachsche Oratorium.

Ab dem ersten Ton der Orchestereinleitung zum Chor „Fallt mit Danken, fallt mit Loben“ war klar, wohin die Interpretation unter Klaus Rothaupt steuern würde. Mit tänzerischer Leichtigkeit und Durchsichtigkeit, anklingend an eine historische Aufführungspraxis, war die Aufführung der Teile 4-6 von jedem überflüssigen Pomp befreit. Orchester, Continuo, Chor und Solisten konnten damit eine schlüssig-überzeugende Umsetzung auch der Affekte liefern, die dem barocken Komponisten so wichtig war und die nicht seine eigenen Gefühle darstellen, sondern mit Hilfe von kompositorischen Mitteln und musikalischen Parametern die gewünschten Affekte wie etwa Freude, Stolz, Zorn oder Empfindsamkeit objektivieren und beim Hörer auslösen sollten. Das ist dem gesamten Ensemble unter Rothaupt in der voll besetzten Oberhofenkirche gelungen, denn am Ende musste nochmals der feierliche Schlusschor wiederholt werden, der das WO durch seinen Bezug zum Choral Nummer 5 des ersten Teils in feierlichem D-Dur wie eine Klammer umschließt.

Die Vorzüge des Orchesters waren nicht nur in den Ritornellen dieses Chores zu hören, sondern auch in den verschiedenartigen Rezitativen und Arien der Solisten. Die Trompeten (Christian Nägele, Johannes Knoblauch, Fritz Schuler) und die Pauken (Klaus Sebastian Dreher) drückten den Affekt `Freude` über den Sieg über „Tod, Teufel, Sünd und Hölle“ aus. Der Chor sang besonders engagiert in „Ehre sei dir Gott gesungen“ und mit ausgewogenem Klang zwischen Männer- und Frauenstimmen. Rothaupt verstand es, in schwierigen Passagen durch kleine lockernde Zeichen die Zurückhaltung des erstaunlich gut agierenden Amateurchores aufzuheben.

Eine besondere Leistung boten die Solisten Miriam Burkhardt (Sopran), Johanna Wiebusch (Alt), Stefan Geyer (Bass) und Victor Schiering (Tenor), der außer den Arien auch die Rolle des deklamierenden Erzählers sang. Mit Kern und problemloser Höhe deklamierte er meisterhaft, weswegen kleinere Vokalengstellen in Koloraturen einer Arie nicht ins Gewicht fielen. Geyer setzte die Täuschung von Herodes im Text „damit ich es auch anbete“ musikalisch genial um und die beiden Frauenstimmen zeichneten sich durch Schlankheit, gepaart mit Wärme bei der Textdeutung, aus. Besonders schön und wie aus einem Guss gelangen denn auch das Terzett in h-Moll „Ach, wann wird die Zeit erscheinen“ mit den Alt-Einwürfen „Schweigt“ als gläubige Stimme und mit Solo-Violine (Anne Rothaupt) sowie die Echo-Sopranarie (Olga Wegener, Echo) zusammen mit den wunderbar gestaltenden Oboen von Kirsty Wilson und Heike Wahl. Sowohl

Konzertmeisterin Anne Rothaupt und Dorothée Royez (Violine) als auch das Continuo mit Michael Roser (Fagott), Stefan Kraut (Cello), Albert Michael Locher (Kontrabass) und Verena Zahn (Positiv) trugen zu dieser berührend-feinen Aufführung bei.

Die Geschichte des Weihnachtsoratoriums

Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium, das der Thomaskantor zu Lebzeiten nur ein Mal – zum Jahreswechsel 1734/1735 – zu hören bekam, ist so eng mit Weihnachten verbunden wie sonst keine geistliche Komposition. Das Werk für Soli, gemischten Chor und Orchester besteht aus sechs Teilen – oft werden nur drei aufgeführt.

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