Zugeklebte Schaufenster, verwaiste Flächen, verrammelte Türen - eine Facebook-Seite im Internet zeigt in dutzenden Bildern das ganze Ausmaß der Misere in der Göppinger Innenstadt. Etwa 50 Ladengeschäfte und Lokale sind derzeit ungenutzt, hat der Initiator der Aktion, Heiko Stobinski, gezählt. Er unterrichtet unter anderem Geografie und engagiert sich in der "Initiative Märklinwelt". In seiner Beobachtung sind die meisten Leerstände abseits der 1a-Lagen zu finden.

"Schwerpunkte bilden in der westlichen Innenstadt die Bereiche nördlich der Hauptstraße und die obere Lange Straße. In der östlichen Innenstadt sind die Geislinger Straße und die südliche Bleichstraße vom zunehmenden Leerstand betroffen", hat Stobinski beobachtet. Es sei "ein großer Nachteil, dass Göppingen zum gegenwärtigen Zeitpunkt kein gewinnbringendes Gesamtkonzept für die Innenstadt besitzt". Durch den Konkurrenzdruck, den der Onlinehandel und die umgebenden Zentren ausüben, sei zu befürchten, dass der Umsatz und die damit benötigte Einzelhandelsfläche weiter zurückgehen, so seine Einschätzung.

Bei der Wirtschaftförderung der Stadt teilt man zwar die Sorge um den schleichenden Einzelhandels-Rückzug. Wirtschaftsförderin Christine Kumpf weist aber darauf hin, dass die Stadt sich sehr wohl um das Thema kümmere. Viele Akteure seien beispielsweise derzeit dabei, das Programm "Wohnen und Arbeiten in der westlichen Altstadt" zu entwickeln. In diesem Rahmen stehe auch das Thema Einzelhandel weit oben. Die Stadt habe bereits Befragungen organisiert und suche in einem Workshop am 8. Juli das Gespräch mit Immobilienbesitzern, Ladeninhabern und Dienstleistern.

Die Stadt habe nur in wenigen Fällen direkten Zugriff auf die Flächen. Im persönlichen Kontakt lasse sich in Erfahrung bringen, welche Ziele die Eigentümer verfolgen und wie sich das mit den Überlegungen der Stadt vereinbaren lässt. Es sei essenziell, einen Überblick zu bekommen. Erst dann ließen sich eigene Strategien entwickeln. Dazu könnte gehören, dass einige Handelsstandorte, die eher am Rand liegen, künftig zu Wohnstandorten werden.

Auf solche Entwicklungen weist auch Gisela Flaig hin, Geschäftsführerin des Marketing-Vereins Göppinger City. Der Handel sei stark im Wandel - nicht zuletzt durch das Einkaufen im Internet. Die Gründe für Geschäftsaufgaben seien zwar sehr individuell. Es gelte aber nach langfristigen Lösungen zu suchen. Möglich, dass sich beispielsweise an Handelsstandorten auch eine kreative Szene oder Ateliers etablieren. Die Stadt habe jedenfalls schon viel zum Guten bewegt, zuletzt mit dem erfolgreichen Ausbau der Poststraße. Es sei aber nicht wegzudiskutieren, dass der exorbitante Flächenzuwachs der vergangenen Jahre auf der Grünen Wiese das Einkaufsverhalten der Menschen und damit die Einkaufslagen in der Stadt stark verändert haben.

Erlebnis Stadt

Die "Initiative Märklinwelt" setzt sich für den Bau einer Modellbahn-Erlebniswelt am Göppinger Bahnhof ein. Aber was hat das mit dem Einzelhandel zu tun? Die Initiatoren sagen: "Das Konzept der neuen Märklinwelt ist nicht nur kulturellen und sozialen Zielen verpflichtet, sondern berücksichtigt auch wirtschaftliche Impulse zur Entwicklung der Göppinger Innenstadt. Dies beinhaltet vor allem die Förderung von Handel, Gastronomie und Hotellerie durch die zu erwartenden Besucherzahlen. Insbesondere der Tagestourismus ist in vielen Städten zu einem wichtigen Wachstumsmotor geworden". Durch eine Vielzahl von Aktionen könne die Märklinwelt mit der Innenstadt verzahnt werden.

Ein Kommentar von Arnd Woletz: Jammern stoppt die Öde nicht

Das Ladensterben mag in Göppingen besonders ins Auge fallen, ein Einzelfall ist es aber nicht. Der schleichende Rückzug des Handels trifft alle mittelgroßen Städte im Kreis und darüber hinaus. Nicht jede Handelslage wird sich halten können. Am Rande der Innenstadt werden weitere Geschäfte verschwinden. Wohnen und Dienstleistungen stoßen bereits vor. Insofern ist es höchste Zeit, dass die Stadtverwaltung jetzt möglichst viele Akteure an einen Tisch holen will, um neue Nutzungskonzepte zu entwickeln. Wenn die Ödnis sich ausbreitet, ist sie schwer zu stoppen.

Es ist jedoch zu einfach, immer nur nach der Politik zu rufen. Die meisten Häuser sind in privater Hand. In der Verantwortung stehen also auch die Immobilienbesitzer, die entweder gar nicht investieren oder überzogene Mieten verlangen wollen.

Ein besonderes Ärgernis sind aber jene Zeitgenossen, die immer jammern, dass die Einkaufsstadt Göppingen angeblich nichts bietet, das aber selber verschulden. Daran sollte jeder denken, bevor er beim Einkaufen im Internet auf den "Bestellen"-Knopf drückt. Und jeder, der glaubt, im Discounter oder im Baumarkt am Stadtrand doch alles zu bekommen. Für eine lebendige City ist jede Aktivität gut, die Menschen in die Stadt lockt. Dazu gehört die Gastro-Szene genau so wie die Aktionen des Marketingvereins. Und dafür wäre auch eine große "Märklinwelt" am Bahnhof wünschenswert, wenn sie derzeit auch nicht realistisch scheint.