Wer mit Blick auf die schwierige Lage der FDP dachte, der Kreisverband müsse potenzielle Bewerber für die Landtagswahl zu einer Kandidatur drängen, wurde am Freitagabend im Göppinger Hotel "Hohenstaufen" eines Besseren belehrt. Die Liberalen haben ein deutliches Lebenszeichen gegeben, die Kandidatenfrage für den Wahlkreis Göppingen musste per Kampfabstimmung entschieden werden: Der selbstständige Gärtnermeister Martin Kaess aus Albershausen setzte sich mit elf zu neun Stimmen gegen Rüdiger Wolff aus Hohenstaufen durch. Erst am Mittwoch hatte Wolff, der im Verlagsbereich arbeitet und in der Kulturszene im Kreis sehr aktiv ist, erfahren, dass er Konkurrenz bekommt. Die knappe Niederlage schmerzte ihn, zu einer Kandidatur als Ersatzbewerber war er anschließend nicht bereit.

Der Sieger Martin Kaess ist ein erfahrener Kommunalpolitiker. Der 62-Jährige ist Mitglied des Gemeinderats seiner Heimatgemeinde und gehört auch dem Kreistag an. "Sieben Prozent oder mehr", gab Kaess als Ziel für die FDP bei der Landtagswahl im kommenden Jahr aus. Der Weiterbau der B 10 sowie eine "S-Bahn-ähnliche Anbindung bis Geislingen" liegen dem Unternehmer besonders am Herzen. Zum Ersatzbewerber im Wahlkreis Göppingen wurde Ulrich Langer aus Uhingen gewählt, wo er seit 35 Jahren für die FDP im Gemeinderat mitarbeitet. Das Parteibuch besitzt Langer sogar schon seit 48 Jahren.

Für den Wahlkreis Geislingen gab es nur einen Bewerber: Armin Koch aus Süßen. Für den 40-jährigen Taxi- und Busunternehmer und Vorsitzenden des FDP-Verbands Lautertal ist die Politik der grün-roten Landesregierung "schlichtweg ein Desaster". Ob Infrastruktur, Polizeireform, Bildung oder Finanzgebaren: Grün-Rot setze die "falschen Prioritäten", kritisierte Koch. Den Urnengang im kommenden Jahr bezeichnete Koch als "wichtigste Wahl in der Geschichte unseres Landes, weil darüber entschieden wird, in welche Richtung sich Baden-Württemberg künftig entwickelt". Die FDP und hier vor allem der liberale Mittelstand seien seine politische Heimat, erklärte der Süßener, der mit zehn von elf Stimmen zum Kandidaten gewählt wurde.

Mit Blick auf die Landtagswahl kündigte er trotz der nach wir noch bescheidenen Umfragewerte für seine Partei an: "Wir werden das Ding rocken." Die Mitglieder, darunter auch wieder einige jüngere Gesichter, waren Koch für diese Kampfansage dankbar. Ersatzbewerber im Wahlkreis Geislingen ist der 37-jährige IT-Spezialist Hans-Peter Semmler aus Gammelshausen, der sich vor allem das Thema Chancengleichheit im Bildungsbereich auf die Fahnen geschrieben hat und sich darüber ärgert, wenn die FDP in der Vergangenheit von Kritikern als "Partei der sozialen Kälte" gebrandmarkt wurde. "Das sind wir nicht", rief Semmler in den Saal - und erntete für seine Rede viel Applaus.

Ein Kommentar von Helge Thiele: Ackern für die Wiedergeburt

Wenn man böse in der Krise steckt, darf man sich nicht zu hohe Ziele setzen. Die Messlatte zu tief zu hängen, ist aber auch falsch. Denn man will dem Wähler ja zeigen: Schaut her, wir sind wieder da und trauen uns etwas zu. Die FDP im Kreis hat dieses Lebenszeichen gesendet und mit der Nominierung der Kandidaten für die Landtagswahl ein Personalangebot unterbreitet. Doch zwei Bewerber zu haben, das reicht noch nicht. Sie allein können die Aufholjagd nicht schaffen. Alle müssen jetzt strampeln, ackern, argumentieren, werben und überzeugen, um nicht eine der vielleicht letzten Chancen, sich aufzurappeln, ausgerechnet im Stammland der Partei zu verspielen. Dazu gehört ein neues Selbstbewusstsein. Wer sich in den vergangenen zwei Jahren als Liberaler outete, zog oft Kritik und Spott auf sich - verschuldet durch das verheerende Auftreten der Partei oder weil der Zeitgeist es nicht mehr gut meinte mit der FDP.

Mittlerweile hat das "Bashing" nachgelassen. Die Liberalen werden von manchen wieder vermisst. Bürgerrechte, Freiheit, Eigenverantwortung und Bildungsvielfalt: Es gibt viele vernachlässigte Themen, um die sich die Partei kümmern könnte und sollte, wenn sie zum aufrechten Gang zurückfinden will. Acht bis neun Prozent wünscht sich der FDP-Kreisvorsitzende Werner Simmling für 2016. Der Mann hat gute Nerven - und ein Kämpferherz. Zwei Tugenden, die man in der FDP zurzeit besonders braucht.