Frau Kaddor, Sie sind Religionspädagogin und Islamwissenschaftlerin. Was macht man da?

LAMYA KADDOR: Ich beschäftige mich wissenschaftlich mit dem Islam und als Religionspädagogin betreibe ich Theologie in der Fragestellung, wie unterrichte ich was.

Wie passen Religion und Wissenschaft zusammen?

KADDOR: Religion muss sich der Wissenschaft ein Stück weit unterordnen. Sie darf ihren Absolutheitsanspruch nicht auf Wissenschaft und Gesellschaft übertragen.

Können Sie in Grundzügen beschreiben, was der Islam ist und was er will?

KADDOR: Der Islam ist eine Weltreligion wie jede andere Weltreligion auch. Sie soll den Menschen friedfertiger machen.

Sie haben in Nordrhein-Westfalen bei einem Schulversuch "Islamkunde in deutscher Sprache" unterrichtet. Fünf Schüler dieses Projekts sind als Freiwillige in den Dschihad nach Syrien gezogen. Wie erklären Sie sich das?

KADDOR: Die Jugendlichen sind orientierungslos, perspektivlos und haltlos gewesen und inzwischen alle wieder zurück. Unsere Gesellschaft muss für solche Jugendlichen mehr tun.

Welche Bedeutung hat für Sie die Scharia?

KADDOR: Scharia ist erst einmal ein Sammelbegriff für alle göttlichen Gebote, die sich aus islamischen Quellen ableiten lassen und von Theologen festgelegt worden sind. Man kann sie sehr dogmatisch oder sehr flexibel festlegen, deswegen gibt es nicht d i e Scharia.

Was sagen Sie zum Frauenbild des Islam und zum Thema Gleichberechtigung?

KADDOR: Man darf die Ursprünge nicht aus der heutigen Perspektive sehen oder bewerten, sondern man muss nachvollziehen, was der Koran damals erreichen wollte, nämlich eine Aufwertung und Besserstellung der Frau. Die Gleichberechtigung ist angelegt, aber sie wurde nicht fortgeführt und wird heute zu weiten Teilen nicht umgesetzt.

Müssen sich islamische Frauen verschleiern?

KADDOR: Wenn man den Koran klassisch auslegt, dann ist eine Kopfbedeckung durchaus vorgesehen, aber kein Gesichtsschleier.

Es gibt immer wieder Eltern, die ihre Töchter aus religiösen Gründen vom Sportunterricht ausschließen. Was würden Sie diesen Eltern sagen?

KADDOR: Dass es wichtig ist, dass ihre Kinder schwimmen lernen. Dass sie religiöse Vorschriften in Einklang mit dem Bildungsauftrag der Schule bringen müssen.

Der IS begründet seine terroristischen Gewalttaten mit dem Islam, also religiös. Was sagen Sie dazu?

KADDOR: Für mich ist das der klassische Fall eines Missbrauchs von Religion für politisch terroristische Ziele.

In einem neueren Spiegel-Interview sprach ein Rekrutierer für den IS davon, dass "Demokratie für Ungläubige" sei und Ungläubige nach dem Koran getötet werden müssten. Ihr Kommentar?

KADDOR: Terroristen waren noch nie besonders darin begabt, Theologie zu beurteilen.

Der katholische Theologe Hans Küng, Gründer der Stiftung Weltethos, spricht davon, dass es in allen Religionen ein mittelalterlich-gewalttätiges und ein neuzeitliches, liberales und tolerantes Paradigma gebe. Wo steht Ihrer Meinung nach der Islam heute?

KADDOR: Es gibt nicht d e n Islam, es gibt ein breites Spektrum wie in anderen Religionen auch.

Der Religionskritiker und Philosoph Ludwig Feuerbach sagt, Religion sei Opium fürs Volk. Was bedeutet Religion für Sie?

KADDOR: Für mich ist Religion eine Stütze und so etwas wie Medizin. Und unterschiedliche Menschen brauchen unterschiedliche Dosierungen, um ihre Seelen zu versorgen.

Es gibt eine Position, die sagt, wir brauchen nicht mehr Religion, sondern weniger und eine strikte Trennung von Staat und Religion beziehungsweise Kirchen. Und Sie sind eine Anhängerin von islamischem Religionsunterricht in öffentlichen Schulen. Warum?

KADDOR: Wir leben in einem säkularen Rechtsstaat, der das Verhältnis von Religion und Politik regelt. Und in diesem säkularen Rechtsstaat muss der Islam gleich behandelt werden wie andere Religionen auch.

Sie haben 2010 ein viel beachtetes Buch geschrieben: "Muslimisch, weiblich, deutsch". Was ist die Hauptaussage Ihres Buches?

KADDOR: Diese drei Adjektive stehen in einem gleichgewichtigen Verhältnis zueinander. Man kann eben muslimisch, weiblich und deutsch sein - und nicht ein Teil davon. Wie, das erkläre ich in dem Buch.

Welche Ziele hat der von Ihnen 2010 mitgegründete Liberal-Islamische Bund (LIB)?

KADDOR: Der LIB verfolgt das Ziel, Muslimen, die einen Vernunft orientierten Zugang zu islamischen Quellen suchen, eine Stimme zu geben.

Sie haben 2011 die Integrationsmedaille der Bundesregierung bekommen. Wofür?

KADDOR: Für meine Bemühungen, in beide Kulturen hineinzuwirken und damit als Brückenbauerin ein Vorbild zu sein.