Alles wegen Kiki. Die Mischlingshündin brachte eine beispiellose Lawine im Göppinger Tierschutzverein ins Rollen – am Ende stand vergangenen Freitag der Rücktritt des Vorsitzenden Eberhard Neubrand (75). Womöglich war es aber auch nur der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte. Denn immer wieder wurde Kritik am Gebaren der Tierheimleitung laut, dass Tiere kaum vermittelt werden. So war es auch im Fall von Kiki. Neubrand wollte die Linie seines Vorstands und der Tierheimleiterin nicht mehr mittragen und schmiss deshalb hin. Seine Begründung: „Für eine fanatische Form des Tierschutzes stehe ich nicht zur Verfügung.“ Der Verein ist Träger des Tierheims Ulrich Schol.

Jene Frau, die Kiki haben wollte und nicht bekam, kann den Ex-Vorsitzenden verstehen. „Ich hätte es auch so gemacht. Der Mann hat sich so reingehängt, ich ziehe meinen Hut vor ihm“, sagt die Lorcherin, die Kiki im Internet entdeckt hatte. Sie war mit dem einjährigen Hund spazieren und nahm ihn auch zwei Mal mit nach Hause auf ihren Aussiedlerhof im Remstal. „Wir hatten Kiki schon probeweise, er war uns auch zugesagt“, erzählt sie. Dies bestätigt Neubrand, der nach Lorch gefahren war und sich das Anwesen angeschaut hatte. Am Mittwoch meinte er: „Da ist es so, wie man es sich nur wünschen kann.“ Die anderen Vorstandsmitglieder hätten es nicht für nötig erachtet, nach Lorch zu fahren, sagt Neubrand, die Begründung lautete: „Die bekommt den Hund eh nicht.“ Das ärgert ihn: „Sie hatten ihr den Hund doch versprochen.“

"Entscheidungen zum Wohl des Tieres"

In einer Pressemitteilung schreibt der verbliebene Vorstand des Tierschutzvereins – er besteht ohne Neubrand aus sechs Frauen – jetzt: „Solche Entscheidungen werden in erster Linie zum Wohl des Tieres getroffen – und hier müssen wir sagen, dass der besagte Hund, der mehrere Interessenten hatte, einen Platz gefunden hat, der den Ansprüchen dieses Hundes in ganzem Maße gerecht wird.“ Die sechs Frauen hatten Neubrand überstimmt, der als einziger dafür war, den Hund nach Lorch zu geben, auch ein Tierarzt hatte dies befürwortet und Neubrands Frau stand als Bürgin bereit. Zu der Pressemitteilung meint Neubrand: „Das ist doch logisch, dass die das sagen.“ Wahr sei aber, dass zum Zeitpunkt der Absage gar kein anderer Interessent für Kiki dagewesen sei.

Die Frau berichtet, ein Ehrenamtlicher des Tierschutzvereins habe sie mit einer abstrusen Begründung angeschwärzt, deshalb sei ihr das Tier dann verweigert worden. Auch Neubrand bestätigt die Geschichte. Demnach wurde angeführt, dass ihre jetzige Schwiegertochter aus Wäschenbeuren vor knapp zwei Jahren – da war sie zudem noch gar nicht die Schwiegertochter – einen herrenlosen Hund, den sie gefunden hatte, im Tierheim abgegeben hatte. Deshalb müsse die Schwiegermutter ja untauglich zur Hundehaltung sein. „Gnadenlos“ findet die Frau, die früher schon Hunde besessen hat, das und überlegt, Anzeige wegen übler Nachrede zu erstatten.

Immer wieder wird berichtet, dass das Tierheim sich ziert, Tiere herzugeben. Eine 48-Jährige aus Rechberg erzählt, dass sie keine Katze bekommen hat – nach einer Inspektion durch Vereinsmitglieder im freistehenden Einfamilienhaus mit Garten sei der Familie beschieden worden: Zu gefährlich, weil das Haus an einer Straße liege. Genauso sei es einem Arbeitskollegen aus Göppingen ergangen. In einschlägigen Internetforen finden sich ähnliche Geschichten, demnach hat eine Familie kein Meerschweinchen bekommen, weil der geforderte Auslauf im Freien von zehn Quadratmetern nicht zur Verfügung stand – es war nur ein vier Quadratmeter großes Gehege vorhanden.

Katzen wegen Überfüllung nicht aufgenommen

Monika Wahl aus Lorch berichtet, dass eine Bekannte zwei Edelkatzen im Tierheim abgeben wollte, die sie vorübergehend aufgenommen hatte: Die Heimleitung habe sich im November geweigert, Begründung: Das Tierheim sei zu voll. Dies und die Tatsache, dass andere keine Tiere bekommen, passt für Wahl „nicht mehr zusammen“. Sie findet: „Die sollten am besten einen Gnadenhof aufmachen, dann müssen sie sich von keinem Tier mehr trennen.“

Für Neubrand, der insgesamt rund zehn Jahre Vorsitzender war, gibt es jedenfalls kein Zurück mehr, auch wenn die Frauen aus dem Vorstand fast flehentlich schreiben: „Es ist unser großer Wunsch, dass er seinen Rücktritt nochmals überdenkt.“ Neubrand sagt, das ehre ihn zwar, aber: „Ich ziehe mich komplett zurück. Die Damen sollen gucken, wie sie das machen.“ Zum Beispiel den geplanten Neubau des Tierheims. Mitglied im Verein will er aber bleiben, obwohl selbst ihm als Vorsitzendem vom Vorstand und der Tierheimleiterin ein Hund verweigert wurde – den er sich dann trotzdem holte. Neubrand glaubt: „Bei den Damen kommt der Mensch nach dem Tier. Aber zuerst einmal kommt der Mensch.“
 

Ein Kommentar von Dirk Hülser: Zuerst kommt der Mensch

Respekt. Eberhard Neubrand hat das einzig Richtige getan. Anstatt sich weiter von seinen Vorstandskolleginnen des Tierschutzvereins auf der Nase herumtanzen zu lassen, hat der verdiente Vorsitzende das Handtuch geworfen. Dabei ist das Schicksal des Hundes Kiki nur der Auslöser gewesen, schon lange läuft einiges schief vor allem beim Betrieb des Tierheims. Neubrand weiß dies und wollte es nicht mehr länger verantworten. Der langjährige Göppinger Stadtrat kritisiert eine "fanatische Form des Tierschutzes" bei seinen Vorstandskolleginnen und der Tierheimleiterin und wirft ihnen vor, bei ihnen komme der Mensch nach dem Tier. "Aber zuerst kommt der Mensch", stellt Neubrand klar. Und damit hat er recht. Denn was nützt das schönste Tierheim, wenn die Kreaturen kein neues Zuhause finden? Zum Selbstzweck und als Verwahranstalt ist das Heim nicht gebaut worden. Aber um die Tiere zu vermitteln, muss sich eine solche Einrichtung auch als Dienstleister begreifen - und die Kunden ernst nehmen. Schließlich gibt es die Tiere nicht umsonst, Tierfreunde müssen etwa für einen Hund in Göppingen 230 Euro hinblättern. Es ist richtig, dass Hunde oder Katzen nicht blindlings an jedermann ausgehändigt werden. Aber offenbar wurde die Kontrolle maßlos übertrieben. Dadurch steht der Verein nun ohne Chef da. Mal schauen, ob der Vorstand außer Tierliebe auch Managementqualitäten zu bieten hat. Denn die sind nun gefragt.