Der Marktplatz Göppingen am Samstag gegen 10 Uhr, eine Demonstration unter Corona-Bedingungen bahnt sich an. Ein großes Quadrat ist mit Absperrband als Versammlungsort gekennzeichnet. Wer hier rein will, muss sich in eine Liste eintragen. Damit bei einem etwaigen späteren Corona-Fall klar ist, wer infiziert sein könnte. Andernfalls werde die Liste nach 14 Tagen vernichtet. So verkündet es Versammlungsleiter Sandro Scheer, den meisten besser bekannt in seiner Funktion bei der AfD.

„Es ist jetzt einfach Oberkante“

Man kann auch außerhalb des Bandes stehen. Das tut ein Paar aus Birenbach, 62 und 66 Jahre alt. Sie gehören zur Risikogruppe. Aber sie sind nicht glücklich über die Schutzvorschriften der Regierung. „Es reicht“, sagt die Frau, „es ist jetzt einfach Oberkante“. Sie sei verantwortlich für ihre Gesundheit, nicht die Frau Merkel, und was da mit ihnen gemacht werde, die Grundrechte würden ausgesetzt, alles werde über einen Kamm geschoren, den Menschen werde Angst gemacht, für sie sei die Maskenpflicht ein Maulkorb. Angehörige müssten alleine sterben. „Ich bin dankbar, dass es diese Demo gibt“, sagt die Frau, letzte Woche seien sie schon bei der großen Demo in Stuttgart gewesen. Sie fordert: „Ich will in Freiheit leben.“ Aus einem Lautsprecher tönt dezent „Kein schöner Land“.

Forderung nach Untersuchungsausschuss

Das will auch eine Frau mittleren Alters aus Göppingen. Sie geht hier erstmals auf eine Demo und bringt gleich ein Plakat mit. Sofortiges Aufheben aller Beschränkungen, steht darauf, und Einsetzung eines unabhängigen Untersuchungsausschusses zur Coronapolitik. Das ist die weitreichendste Forderung des Tages. Denn: Es gebe Untersuchungen, dass der ganze Shutdown nicht notwendig gewesen sei.

Zur 68er Generation gehört ein Paar aus Geislingen, der Mann hat schon als Student gegen den Vietnamkrieg demonstriert. Sein Vorwurf: Die Bundesregierung habe sich überhaupt nicht auf die Pandemie vorbereitet und dann völlig überzogen in allen Bereichen reagiert. Auch ihm gehe es um die Aushebelung des Grundgesetzes.

Das ist das Thema: „Wir wollen unsere Freiheit in vollem Umfang zurück.“ Dazu hat eine „Interessengemeinschaft Grundrechte auch in Krisenzeiten“ aufgerufen, und dahinter verbirgt sich die AfD. Aber nicht nur, sagt Uwe Freiherr von Wangenheim. Ein Beleg: Es spricht auch eine Frau, die sich als Muslima aus Bad Überkingen zu erkennen gibt, als Einwandererkind der dritten Generation und Schwäbin. Spontan sei sie heute hergekommen und finde es toll, was hier gemacht werde. Die anderen Redner sind AfD-Amts- und Mandatsträger. Simon Dennenmoser (Kreisvorsitzender), Sandro Scheer (Stellvertreter), Uwe von Wangenheim (Kreisrat) und Hans-Jürgen Goßner (Ortsverbandsvorsitzender Unteres Filstal) wollen hier aber nicht als AfD-Leute gesehen werden, sondern als Sprecher der Interessengemeinschaft. Ausnahme: Der AfD-Bundestagsabgeordnete Volker Münz. Er spricht für seine Partei. Er geht mit der Regierung in Gericht, wie die anderen.

Redner sehen Grundrechte in Gefahr

Ungeachtet der aktuellen Lockerungen, die bereits in Kraft sind oder angekündigt, wettern sie gegen einen „gefährlichen Präzedenzfall“, nämlich die Aushebelung der Versammlungsfreiheit, der Religionsfreiheit und der Freizügigkeit. Sie fordern, schnellstmöglich flächendeckend den Lockdown aufzuheben. Merkels Wort von der „Öffnungsdiskussionsorgie“ sei eine Verhöhnung der Demokratie. Die Regierung habe blanke Angst verbreitet. Die Rede von Massengräbern und eine regelrechte Kriegsrhetorik sei ganz bewusst eingesetzt worden. Der Ausnahmezustand solle eine neue Normalität werden. Die Redner wandten sich auch gegen eine Impfpflicht, die durch die Hintertür eingeführt werden solle, und gegen eine „Datensammel-App“ zur Eindämmung des Virus.