Seit 1938 stehen sie da: die beiden steinernen Soldaten des Kriegerdenkmals im Oberhofenpark. Die Köpfe erhoben, den Blick geradeaus. Doch ob sich darin nun stille Trauer für die Weltkriegstoten oder die übertriebene Heldenverehrung der Nazis ausdrückt, darüber streiten die Göppinger seit langem mit wechselnder Intensität.

Jetzt deutet sich eine Lösung an. Mit dunklen Infostelen sollen die Betrachter erfahren, was es mit der umstrittenen Skulptur auf sich hat – und wie sie mit der Pieta am Friedhof im Zusammenhang steht.

Die Infostelen sind Ergebnis einer heftigen Debatte der Lokalpolitiker vor zwei Jahren. Damals wollten die Grünen die Figurengruppe beim Alten Friedhof und Oberhofenpark entfernen lassen, denn die Nationalsozialisten hatte einst dieses Denkmal des Stuttgarter Bildhauers Fritz Nuss 1938 bestellt.

Dabei stand damals bereits an der gleichen Stelle ein Mahnmal für die Kriegstoten: die vom Schwäbisch Gmünder Künstler Jakob Fehrle gestaltete Pieta. Warum sie 1938 weichen musste, das erklärte Stadtarchivar Dr. Karl-Heinz Rueß jetzt im Kulturausschuss der Stadt.

Die Pieta mit ihrer christlichen Symbolik und der Darstellung einer trauernden Mutter erschien den Nationalsozialisten zu verweichlicht und nicht heldenhaft genug. Die Pieta wurde an den Friedhof an der Hohenstaufenstraße versetzt.

Die Grünen wollten vor zwei Jahren den Denkmaltausch der Nationalsozialisten rückgängig machen. Die Pieta sollte wieder ihren Platz im Oberhofenpark bekommen. Der Antrag scheiterte. Im November des gleichen Jahres wurde das Kriegerdenkmal mit Farbe besprüht.

Nach zweijähriger intensiver Vorbereitungszeit ist jetzt der damals erzielte Kompromiss zur Umsetzung bereit, erklärte Bürgermeisterin Gabriele Zull. Dunkle Info-Stelen sollen, wenn der Gemeinderat am 7. Juli zustimmt, an beiden Denkmalen die Einordnung in den geschichtlichen Rahmen erleichtern. Es liegen bereits Textvorschläge für das Kriegerdenkmal und die Pieta vor.

Außerdem sollen im Oberhofenpark drei Gedenkpulte an der benachbarten Mauer errichtet werden, wie Karl-Heinz Rueß erläuterte. Auf ihnen sollen unter anderem die Zahlen der Weltkriegs-Toten in den jeweiligen Ländern aufgeführt werden. Auf der Rückseite der Stelen stehen Anti-Kriegs-Gedichte. 63 000 Euro soll das alles kosten.

Dass die Soldatenfigur noch immer unterschiedlich gesehen wird, das zeigten die Beiträge der Stadträte im Kulturausschuss. Christine Lipp-Wahl (Grüne) sagte, das Denkmal verherrliche das Kriegerische und stelle die Trauer in den Hintergrund. Sie begrüßte, dass die Info-Stelen das Denkmal jetzt „in seiner Aussagekraft mindern“.

Dr. Helmut Dees (SPD) sagte, ein „fragwürdiges Denkmal“ werde in seiner kritikwürdigen Darstellung erklärt. Felix Gerber (CDU) erinnerte daran, dass das Denkmal seit je her unterschiedlich interpretiert werde und erkannte in der Lösung mit den Stelen „fast die „Quadratur des Kreises“.

Dagegen sagte Susanne Weiß (FDP/FW), sie verstehe nicht, warum man diese „schöne Gedenkstätte“, die seit je her ein Andenken an die toten Soldaten symbolisiere, nach so vielen Jahren verändern müsse.

Textvorschlag für die Stele an der Pietá am Hauptfriedhof

„Diese Skulptur war das erste Göppinger Kriegerdenkmal. Es wurde 1930 beim Alten Friedhof bei der Oberhofenkirche angelegt. Mit der Gestaltung war der Schwäbisch Gmünder Bildhauer Jakob Fehrle beauftragt. Er schuf eine von der christlichen Pieta inspirierte Figur: Eine Mutter hält ihren toten Sohn im Arm. Im Vordergrund stehen Leid und Trauer, nicht Kampf und Tapferkeit, was die meisten Denkmale dieser Zeit zum Ausdruck bringen. Das Denkmal polarisierte schon bei seiner Aufstellung. Aus linker Position wurden der kirchliche Charakter und der rückwärtsgewandte Schmerz der Darstellung kritisiert. Den Nationalsozialisten fehlte die Erinnerung an die ruhmvollen Heldentaten im Kriege. Als die Nationalsozialisten an der Macht waren, wurde die Beseitigung der Skulptur verlangt, weil sie nicht die vaterländische Treue, sondern den Pazifismus verherrliche. Zum Denkmalsturz kam es 1938. Die Skulptur wurde abgebaut und an diesem Platz vor dem Neuen Friedhof wieder aufgestellt. Im Zentrum des Kriegerdenkmals beim Alten Friedhof steht seitdem die Soldaten-Skulptur des Bildhauers Fritz Nuss (1907-1999).“

Textvorschlag für das Kriegerdenkmal

„Als dieses Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs im Jahr 1939 aufgestellt wird, marschieren deutsche Soldaten in Polen ein. Der Zweite Weltkrieg beginnt. An seinem Ende steht eine unvorstellbare Zahl von Millionen toten Soldaten und noch mehr Zivilisten. Die Skulptur mit den beiden Kriegern, die um einen gefallenen Kameraden trauern, entsprach den ideologischen Vorgaben der NS-Zeit: Ein Kriegerdenkmal sollte das Heroische und Heldenhafte zum Ausdruck zu bringen. Der Entwurf stammt von dem in Göppingen geborenen Bildhauer Fritz Nuss (1907-1999). Er war Sieger in einem Wettbewerb mit 71 eingereichten Vorschlägen. Der Soldatenskulptur musste das vorhandene, im Jahr 1930 errichtete Gefallenen-Denkmal weichen. Ihm lag eine christliche Motivik zugrunde: Im Stil einer Pieta trauert eine Mutter um ihren gefallenen Sohn. Vor solch einer „verweichlichten“ Darstellung wollten die Göppinger Nationalsozialisten und die hier stationierten Soldaten nicht länger den Heldengedenktag feiern, der den Volkstrauertag abgelöst hatte. Mit der Einweihung des neuen Denkmals wollte man bis zum „Endsieg“ warten. Als amerikanische Soldaten Göppingen vom Nationalsozialismus befreiten, gab es keinen Befehl zur Zerstörung des Denkmals – vermutlich weil NS-Zeichen oder -Inschriften fehlen und die Soldaten keine kämpferische und aggressive Haltung einnehmen. Nach der Anbringung der Tafeln mit den Namen der Gefallenen der beiden Weltkriege ließ die Stadt 1952 erstmals einen Kranz am Kriegerdenkmal niederlegen. Seit 1971 findet das offizielle Gedenken an die Kriegstoten auf dem Göppinger Friedhof statt.“