KONTRA: Ein moderner Ablass

DIRK HÜLSER 03.03.2012

Diese Gören, so was hats früher nicht gegeben und damals war eh alles besser. Um der zunehmenden Verdummung und Verrohung der Jugend entgegenzutreten, haben findige Geschäftemacher längst erkannt, worauf es ankommt: auf das schlechte Gewissen der Eltern. Ein Knigge-Kurs für die Kleinen als moderner Ablass, als Korrektiv der eigenen Unzulänglichkeiten.

Der Freiherr selbst, dessen Name für allerlei pseudo-gesellschaftlichen Klimbim missbraucht wird, könnte über solche Veranstaltungen nur lachen. Mal abgesehen davon, dass Knigge nie Benimmregeln veröffentlicht und sich schon gar nicht über Tischmanieren ausgelassen hat, war der Aufklärer und Anhänger der Französischen Revolution ja gerade gegen Standesdünkel und bourgeoisen Mief. Sein Standardwerk - erschienen im 18. Jahrhundert - beschäftigt sich vielmehr mit soziologischen Fragen rund ums Taktgefühl. Aber wer will das heute schon noch wissen.

Pünktlichkeit, Rücksicht, "kurze Tischrede": Neben grobem Unfug - welcher Grundschüler hält schon Tischreden? - sind die meisten der auf Schloss Filseck vermittelten Inhalte Selbstverständlichkeiten. Die aber offenbar nicht immer an die Kinder weitergegeben werden - warum sonst würde jemand seinen Nachwuchs bei einem derartigen Kurs anmelden?

Ein Blick auf die Homepage der Veranstalter offenbart, dass sich hinter der angeblichen "Etikette" in Wahrheit willkürliche Regeln verbergen: Auf einem großen Foto rollt ein kleines Mädchen Spaghetti auf einem Löffel auf. Das ist vielleicht eine deutsche Unsitte, aber sicher keine gültige Tischregel. Der Italiener rollt am Tellerrand - oder lässt es ganz bleiben.