Göppingen Kontaktmann für Suchtkranke

Kennt die schlimmen Folgen der Sucht aus eigener Erfahrung: Wieland John arbeitet hauptberuflich in der "Kontakt- und Anlaufstelle für Drogengebraucher", einer Einrichtung des Diakonisches Werkes Göppingen, genannt "Koala". Foto: privat
Kennt die schlimmen Folgen der Sucht aus eigener Erfahrung: Wieland John arbeitet hauptberuflich in der "Kontakt- und Anlaufstelle für Drogengebraucher", einer Einrichtung des Diakonisches Werkes Göppingen, genannt "Koala". Foto: privat
Göppingen / BRIGITTE SCHEIFFELE 11.05.2012
Soziales Engagement mit dem Fokus Sucht füllt Wieland Johns Kalender: In der Anlaufstelle für Drogennutzer, bei den Freundeskreisen für Suchtkrankenhilfe, im Stadtjugendring oder der Mauchschen Villa.

Wieland John ist immer im Einsatz, sein Terminkalender stets voll, sein soziales Engagement nährt unterschiedlichste Bereiche: Hauptberuflich arbeitet er in der "Kontakt- und Anlaufstelle für Drogengebraucher", einer Einrichtung der Suchtberatung des Diakonisches Werkes Göppingen, genannt "Koala". Zudem ist er Vorsitzender der Sozialen Einrichtung "Mauchsche Villa", besucht den Gemeindeausschuss und holt sich unter anderem politischen Rückhalt bei den Freien Wählern. Er setzt sich aber auch als Mitarbeiter bei den Freundeskreisen für Suchtkrankenhilfe ein, arbeitet in der Fußgängerzone präventiv gegen jede Form von Sucht und konzipierte seinerzeit das erste Konzept für den Verein Mauchsche Villa. Die ist mittlerweile Anlaufstelle für 21 soziale Gruppierungen geworden.

Geht es in Göppingen also um soziale oder Suchtprobleme, weiß man "Willi" durchaus einzuordnen. Und geht es um Alkoholmissbrauch, kann er aus eigener Erfahrung schöpfen: Eigentlich, so erzählt der gebürtige Göppinger, wollte er Pfarrer werden. Dann aber macht er nach dem Abitur eine Lehre als Einzelhandelskaufmann. Der Vater will, dass er das Dachdeckergeschäft übernimmt. Doch das ist bis zum Ende der Ausbildung verkauft, sodass Wieland John als Filialleiter in einem "Konsum" arbeitet. Er heiratet, wird Lehrer, später Ausbilder bei der Kreissparkasse Göppingen, macht nebenbei eine Bankkaufmannslehre und spezialisiert sich auf Kundenberatung mit dem Schwerpunkt "Problemfälle": Sozialhilfeempfänger, Alkoholiker, Drogenabhängige.

1990 wird sein Sohn geboren, 1991 ein Haus gebaut, parallel gönnt er sich zwei bis drei Feierabendbier nach der Arbeit. Irgendwann wird es mehr Bier, dann will er die Flaschenberge vor seiner Frau verheimlichen, geht auf Cognac über. John bastelt an seiner Eisenbahn im Keller, kann unbemerkt trinken und steigt wegen des Geruchs später auf Wodka um. Aus einer Flasche in zwei Tagen werden bis zum Schluss seiner Suchtkarriere fünf am Tag.

Frau und Sohn verlassen ihn, er muss das Haus verkaufen. Kontinuierlich trinkt er jeden Abend eine Flasche Wodka, tagsüber verzichtet er. Doch irgendwann klappt auch das nicht mehr. Kontrollverlust und Krankmeldungen folgen, eine Abmahnung der Firma, schon morgens braucht er fast eine halbe Flasche Wodka, um die Zipperlein los zu bekommen. Mit der zweiten Abmahnung sagt sein Chef: "Entweder du tust was, oder du fliegst." John tut was, geht in die Langzeittherapie, behält seinen Arbeitsplatz. Nach einer längeren Abstinenzzeit kommt er wieder in Versuchung. Er trinkt ein einziges Bier: "Ich habe nichts gemerkt. Wäre ich besoffen gewesen, hätte ich vielleicht noch die Bremse gezogen." Nach einer Woche hat er schon wieder den ersten Wodka daheim. 1998 lernt er seine zweite Frau kennen. 1999 ist alles wieder kaputt. "Zu schnell, zu kurz, kompletter Zusammenbruch", sagt er, sieht keine Perspektive mehr, säuft den ganzen Tag. Wieder folgt eine Entgiftung im Christophsbad. 2003 erhält Wieland John die letzte Chance von seinem Chef, geht wieder zur Entgiftung, doch dann wird sein Vater zum Pflegefall. Er beschließt, sich tot zu saufen. 2005 startet er zum "Grande Finale", geht nicht mehr aus dem Haus, kauft im Bademantel den Wodka im Supermarkt, isst nichts mehr, die Wohnung vermüllt. Noch einmal will er eine Tante in Berlin besuchen, weiß aber bis heute nicht, wie er hin und wieder zurück kam. Auf dem Stuttgarter Bahnhof greift ihn die Polizei auf. "Ich muss ausgesehen und gestunken haben wie der schlimmste Penner", sagt er heute. Ein letztes Mal Christophsbad: Die Entgiftung ist die härteste von allen. Zu dieser Zeit lernt er seine heutige Lebenspartnerin kennen, ebenfalls suchtkrank. Beide entscheiden sich für ein Leben ohne Alkohol und Drogen. Die letzte Entgiftung verband ihn zudem mit den Freundeskreisen für Suchtkrankenhilfe, für die er mittlerweile als Mitarbeiter tätig ist. Ehrenamtlich beginnt sein Engagement im "Koala". John wird zum Kontaktmann für viele Suchtkranke. Doch nicht genug: Die leer stehende Mauchsche Villa sieht er 2007 als Zukunftsprojekt für soziale Gruppen wie auch die Freundeskreise, die auf sein Wirken hin zuerst in das Haus "einziehen".

Sozial Schwache sollen an kulturellen und sozialen Projekten beteiligt werden. Das ist sein Ziel, das er bis heute als Vorsitzender verfolgt und weiter verfolgen wird. Zu den Freundeskreisen, die für ihn ein Teil seines Lebens bleiben, sagt er: "Wir vergessen zu schnell. Das führt zum Leichtsinn. Und darum ist es wichtig, einmal pro Woche an unsere Krankheit erinnert zu werden. In welcher Form auch immer."

Seit 2005 lebt er mit seiner Lebenspartnerin zufrieden abstinent. Beide haben es geschafft, aus einem dunklen Abschnitt ihres Lebens herauszukommen und haben sich ein Ziel gesetzt: "Mit 80 Jahren sitzen wir gemeinsam auf einer Bank und schauen aufs Meer."