Kreis Göppingen KOMMENTAR: Wer Asphalt sät . . .

Kreis Göppingen / Dirk Hülser 20.12.2014
Populär ist es nicht unbedingt, gegen Straßenbau und speziell im Kreis Göppingen gegen den Weiterbau der B 10 zu sein.
Genauso gut könnte man fordern, Hundewelpen zum Abschuss frei zu geben - auf der öffentlichen Beliebtheitsskala wäre einem ein Platz direkt neben Kim Jong-un garantiert.

Dabei lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Ein Blick über den Tellerrand hilft: Kaum ein Landkreis, in dem nicht neue Umgehungen gefordert werden, Bittbriefe an Minister, Besuche bei denselben und Straßenblockaden gehören zum üblichen Instrumentarium. Dass, wie auch die Antikorruptions-Organisation Lobbycontrol kritisiert, derartige Bürgerinitiativen immer wieder von der Asphaltlobby unterstützt werden, sei hier nur am Rande erwähnt.

Tatsache ist jedenfalls, dass in bald jedem Landkreis im Südwesten die Menschen unter dem Verkehr leiden. Es fahren zu viele Autos, zu viele Lastwagen. Die Straßen können den Verkehr kaum noch aufnehmen - im Ostalbkreis ist die B 29 das große Thema, im Rems-Murr-Kreis die B 14 und hier eben die B 10. Doch wie soll das funktionieren? Alles zubetonieren, immer noch mehr Straßen? Wo doch ständig zu Recht gefordert wird, der Bodenversiegelung Einhalt zu gebieten? Wohin das führt, lässt sich derzeit hinter Schwäbisch Gmünd beobachten: Der 300-Millionen-Euro-Tunnel ist seit einem Jahr fertig - nun rollt noch mehr Verkehr durchs Remstal, die Orte weiter östlich ächzen und stöhnen, Mögglingen wünscht sich die Umgehung so sehr wie Gingen oder Kuchen. Der Spruch "Wer Asphalt sät, wird Verkehr ernten" enthält eben mehr als nur ein Körnchen Wahrheit - er ist die bittere Realität.

Nicht zuletzt die Wirtschaft, die immer wieder den Ausbau der B 10 fordert, trägt maßgeblich zu deren Verstopfung bei. Wo es früher vorausschauende Lagerhaltung gab, wird nun nur noch "just in time" produziert - die Lager wurden auf die Piste verlegt, die praktischerweise der Steuerzahler finanziert. Dabei wäre das Geld dringend nötig, um marode Brücken und Straßen wieder in Schuss zu bringen, bevor immer weiter gebaut wird. Und dass die Bahn die meisten Güterbahnhöfe dicht gemacht hat, zeigt, in welch falsche Richtung sich die Verkehrspolitik entwickelt hat. Noch eine Mär: Neue Straßen führen als Wirtschaftsfaktor zu einer blühenden Industrie. In Ostdeutschland ist dieser aberwitzige Betonwahn immer wieder zu bestaunen - prächtige Autobahnen führen ins menschenleere Nirwana, keine Spur von boomender Wirtschaft.

Traurig ist das Ganze für die Menschen, die an der B 10 wohnen und den Lärm und die Abgase ertragen müssen. Ihnen hilft nur ein generelles Umdenken - bei jedem Einzelnen, bei der Politik. Denn jeder Meter neue Straße verlagert das Problem nur ins nächste Dorf.