Der Tag der Arbeit hat sich 2020 so ungewohnt angefühlt wie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik: Statt Maibaum-Hock in den Gemeinden, DGB-Kundgebung auf dem Göppinger Schillerplatz oder Festivitäten linker Initiativen fast Grabesruhe im Kreis, während anderswo Autokorsos von „Corona-Leugnern“ und „Lockdown-Kritikern“ angekündigt waren und für ein seltsames Klima sorgten.

Die Arbeitslosigkeit ist im Kreis Göppingen im Jahresvergleich von fast schon paradiesischen 3,4 Prozent auf 4,8 Prozent gestiegen. Regelrecht explodiert ist aber die Kurzarbeit mit bis zu 130 000 Personen in den beiden Landkreisen Esslingen und Göppingen, die gemeinsam einen Bezirk der Arbeitsagentur bilden. Rund 7800 Unternehmen sind betroffen – nach offiziellen Daten etwa jeder dritte Betrieb, laut Zahlen der Gewerkschaften sogar 40 Prozent, wobei sich die Tendenz nach einem schwierigen März im April noch einmal massiv verschärft hat. Wenig tröstlich ist dabei, dass auf den Kreis Göppingen im Vergleich zu den Esslinger Nachbarn „nur“ 32 394 Kurzarbeiter und 1346 angemeldete Betriebe entfallen.

Göppingen/Geislingen

Kurzarbeit wichtig für den industriellen Kern der Region

So negativ sich die Zahlen lesen, so überlebenswichtig ist das Instrument der Kurzarbeit für den industriellen Kern der Region. Konzerne wie Allgaier und Schuler hatten bereits ohne Corona schmerzhafte Einschnitte beschlossen und würden ohne die nun fälligen Subventionen der Arbeitsagentur wohl um Massenentlassungen nicht herumkommen. Bis zu einem Jahr lang werden die bürokratischen Leistungen bezahlt. Je nach Verlauf der Krise könnten Gastronomie und Hotels, Reisebüros oder Event-Veranstalter auf diese Dauer angewiesen sein – von weiteren Entschädigungen ganz zu schweigen.

Selbsterfüllende Corona-Prophezeiungen

Für alle anderen wäre es wichtig, bald eine Perspektive aufzuzeigen und die nötigen Lockerungen vorzunehmen, damit sich lokal und global nicht negative Zukunftserwartungen verfestigen und zu einer seltbsterfüllenden Prophezeiung werden. Wirtschaft ist eben immer zu 50 Prozent Psychologie. Klar ist dabei, dass  die Firmen in der Region halbwegs geöffnete Schulen und Kitas brauchen, um normal arbeiten zu können. Unterschätzen sollte man aber auch nicht das Thema Reisefreiheit. Das ist mehr als Symbolik, denn Arbeit, Bewegung und Vernetzung sind allemal besser als lähmender Stillstand und Dauerabhängigkeit vom Staat.