Kleine Stadt in der Stadt

Die Integrationsbeauftragte der Stadt Göppingen, Dragica Horvat, wohnt schon lange in "einer der schönsten Straßen in Göppingen" - der Vorderen Karlstraße.
Die Integrationsbeauftragte der Stadt Göppingen, Dragica Horvat, wohnt schon lange in "einer der schönsten Straßen in Göppingen" - der Vorderen Karlstraße.
SWP 21.04.2012

Mit dem Projekt "Kooperation im Quartier" wollen der Verein "Haus und Grund" und die Stadt Göppingen die Karlstraßen weiter aufwerten und dabei insbesondere die privaten Hausbesitzer ansprechen. Das freut Dragica Horvat, die seit zehn Jahren sehr gerne in der Vorderen Karlstraße lebt.

Von Margit Haas

Dragica Horvat hat lange Jahre in Berlin gelebt, genauer gesagt, in Charlottenburg, in der Schlossstraße. Und an genau die erinnert sie die Vordere Karlstraße in Göppingen mit ihrer Kastanienallee. "Sie ist für mich eine der schönsten Straßen in Göppingen", stellt sie begeistert fest. Seit zehn Jahren wohnt sie dort und findet: "Die Straße hat etwas". Und weil sie überhaupt sehr gerne im Quartier im Osten der Innenstadt lebt, freut sie sich auch besonders, dass ihr Wohnviertel jetzt weiter aufgewertet werden soll.

In dem Projekt "Kooperation im Quartier" (KiQ) wollen der Verein "Haus und Grund", die Stadt und weitere Kooperationspartner insbesondere die privaten Hausbesitzer ansprechen. Göppingen ist die einzige Stadt in Baden-Württemberg, die in das vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung und den Haus- und Grundvereinen initiierte Projekt im vergangenen Herbst aufgenommen worden war. Private Eigentümer, auch die, die ihre Immobilien selbst nutzen, sollen demnach gefördert werden, wenn sie ihr Gebäude sanieren und so dazu beitragen, das gesamte Quartier aufzuwerten. Jürgen Schaile, Vorsitzender des Göppinger Haus- und Grundvereins, will zudem "ausländische Mitbürger besser integrieren und ihr Engagement für das Quartier fördern". Tatsächlich leben in der Vorderen, der Mittleren und der Hinteren Karlstraße ganz unterschiedliche Kulturkreise zusammen.

So wie bei Dragica Horvat im Haus. Schon die Klingelleiste verrät, dass hier Menschen mit ganz verschiedenen Herkunftsländern gut zusammen leben. "Es ist ein bisschen wie auf dem Dorf", stellt die Integrationsbeauftragte der Stadt Göppingen fest. "Man kennt und grüßt sich, hat einen guten Kontakt zu seinen Nachbarn". Gerade das schätzt sie an den Karlstraßen. Und natürlich auch, dass es dort noch eine gute Infrastruktur gibt - nicht nur mit Geschäften und Lokalen. Auch einige typische Handwerksbetriebe haben sich erhalten, die bei kleinen Problemen oder speziellen Wünschen die richtigen Adressen sind. Und alles, was sie nicht direkt vor der Haustüre bekommt, ist in wenigen Minuten zu Fuß oder mit dem Fahrrad schnell erreicht. Ihr Auto steht deshalb meist auf dem Parkplatz. Mit dem Autoverkehr ist es allerdings gerade in der Vorderen Karlstraße so eine Sache. Seit das Konzept der Neuen Mitte in der Göppinger Innenstadt umgesetzt worden ist, hat der Durchgangsverkehr hier deutlich zugenommen. Und der ist dann meist auch noch zu schnell unterwegs. Es fehlen deshalb nach der Beobachtung von Dragica Horvat dringend Zebrastreifen in Höhe der Oberen Gartenstraße, in der sich der Kindergarten "Villa Regenbogen" befindet.

An diesem kühlen Frühlingstag ist die Mittelzone der Kastanienallee verwaist. Aber "bei schönem Wetter sind alle Stühle besetzt", weiß die überzeugte Karlsträßlerin. Sie freut sich, dass das Projekt KiQ plant, hier die Ausstattung zu verbessern und insbesondere für Kinder Spielmöglichkeiten zu schaffen. Die gibt es bislang eher spärlich. Und auch die Zahl der Bänke ist knapp bemessen. Dragica Horvat hat gleich noch einen Verbesserungsvorschlag: "Der Belag der Mittelzone ist ungeeignet für alle Kinderfahrzeuge" - und sollte deshalb durch etwas "rollertauglicheres" ersetzt werden. Sie könnten sich in diesem Bereich auch eine Boccia-Bahn vorstellen. "Das ist mein Wunsch, seit ich hier lebe".

Beim Bummel durch das Quartier wird deutlich, dass es zwar durchaus Ecken und Bereiche gibt, die eine Verschönerung dringend gebrauchen können. Es tun sich aber auch zahlreiche Winkel und Räume auf, die einen ganz besonderen Charme haben. Dragica Horvat würde gerne die Gebäude in der Mittleren Karlstraße erhalten. "Sie sind ein kleiner historischer Kern". Gerade bei Nacht sei dieser Straßenzug dank seiner Beleuchtung "richtig romantisch". Einige der Bauten sind freilich in einem sehr beklagenswerten Zustand. Und dennoch bewohnt - wenn man sich das in dem einen oder anderen Fall gar nicht so richtig vorstellen möchte. "Es gibt hier so gut wie keine Leerstände", weiß aber Dragica Horvat. Selbst in der Hinteren Karlstraße nicht, die "ohne Bäume, ohne ein Grün ziemlich öde wirkt". Öde erscheint auch der Spielplatz unter der Bahnüberführung beim Kindergarten "Villa Regenbogen". "Es ist ein großer Wunsch von uns, dass der besser ausgestattet wird". Von hier aus ist aber ein großes Plus der Karlstraße augenscheinlich. "Es gibt sehr viel Grün in der zweiten Reihe. Hier ist im Sommer sehr viel Leben". In diesem Idyll wächst auch so manches Kraut und mancher Salatkopf.

In der Gartenstraße tut sich aber ein großes Problem auf. "Wir haben hier eine Drogenszene". In der Nachbarschaft dagegen hat sich ein italienisches Lokal etabliert. "Wenn jemand etwas Gutes anbietet, belebt es sich hier sofort", ist die Beobachtung von Dragica Horvat. Und deshalb hofft sie auf weitere findige Unternehmer und Gastronomen, die noch mehr Leben in die Straßen bringen. In der Davidstraße wird zwischen den Häusern ein Schrebergarten sichtbar, einige Häuser weiter trocknet die Wäsche im Vorgarten. Zwischen den ersten Frühlingsblumen und einem schönen alten Birnbaum, der verschwenderisch blüht, balzt ein Taubenpärchen - und fast wäre das Idyll perfekt. Die nahe Bahnlinie freilich "müsste hinter einer Schallmauer verschwinden". Dann hätten es auch die Migrantenvereine ruhiger, die dort seit Jahren ihre Treffpunkte haben. Auch hier in der Davidstraße zeigt sich die gewachsene Struktur des Viertels: ein Trödler, ein italienischer Kaffeegroßhändler, eine Moschee, die Handwerkskammer existieren hier problemlos neben einander. Um die Ecke allerdings wird es unappetitlich. "Dieses Haus wurde systematisch entwohnt", bedauert Dragica Horvat angesichts eines an sich sehr schönen Backsteinbaus, der freilich völlig herunter gekommen ist und den sich die Tauben durch eingeschlagene Fensterscheiben bereits erobert haben. Der Müll türmt sich, ein ausgedienter Friseurstuhl rostet neben alten Weinfässer vor sich hin. "Das ist die absolute Ausnahme. Das Viertel ist nämlich sonst kein bisschen verdreckt". Neben dem Karlshof wurde vor kurzem ein Gebäude abgerissen. So ist der Blick frei auf den Biergarten eines Restaurants, der sehr einladend wirkt. An dieser Stelle könnte sich Dragica Horvat zwar kein Mehrgenerationen-Haus, dafür aber "ein Haus der Kulturen" gut vorstellen, für "die vielen Menschen mit ihren unterschiedlichen Hintergründen". Das könnte dann zu einer weiteren Lebendigkeit "dieser kleinen Stadt in der Stadt beitragen", die "alles andere als 0815" sei.

Dragica Horvat ist überzeugt davon, dass viele Eigentümer gewonnen werden können für das Programm "KiQ". Eines dürfe aber nicht passieren: "Es wäre fatal, wenn das Viertel total aufgemotzt werden würde und niemand mehr die Mieten bezahlen könnte". Wichtig sei deshalb, "eine Balance zu finden". Und während sich ein interessierter Nachbar für die Aktivitäten vor seiner Haustüre interessiert, spaziert Dragica Horvat durch die Kastanienallee, die im Frühjahr mit dem leuchtenden Grün der neuen Blätter einen besonderen Reiz hat.