Herr Riegert, wie geht es Ihnen im Abstand einiger Tage nach dieser Wahlniederlage?

KLAUS RIEGERT: Natürlich bin ich nach wie vor enttäuscht. Dennoch geht es mir erstaunlich gut. Mein Blick geht nach vorne.

Sie hatten mit diesem Wahlausgang nie und nimmer gerechnet?

RIEGERT: Mir war es bewusst, dass die Situation ernst ist. Ich habe aber viel Zuspruch, viel Unterstützung aus der Partei erfahren und war deshalb eigentlich guter Dinge.

Und worauf führen Sie das Debakel zurück?

RIEGERT: Eine Abstimmungsniederlage ist für mich kein Debakel, es ist eine Enttäuschung.

Und die Gründe dafür?

RIEGERT: Scheinbar war es ein Fehler, dass ich vorübergehend nach Kirchheim umgezogen bin. Ich habe ja an dem Abend der Nominierungsversammlung erklärt, dass ich noch vor der Bundestagswahl wieder zurück nach Göppingen ziehe. Ich habe 20 Jahre solide, gute, ehrliche, fleißige Arbeit geleistet.

Die Ortsverbände haben offenbar ihre Präsenz vor Ort vermisst.

RIEGERT: Ich habe mein Büro nochmal nachschauen lassen: Ich habe in den letzten drei Jahren fast 600 Termine im Wahlkreis absolviert. Natürlich kann es sein, wenn in einer Gemeinde keine eigenen Veranstaltungen sind, dass man dann dort nicht so häufig war. Ich kann es mir nicht vorstellen, dass es an der Präsenz gelegen haben soll.

Worauf führen Sie Herrn Färbers Erfolg zurück? Seine Parteikarriere ist ja noch sehr jung, er selber ist nicht der junge Überflieger.

RIEGERT (lacht): Diese Frage möchte ich nicht beantworten.

Hat Herr Färber eine bestimmte Klientel bedient, bei der Sie nicht oder nicht mehr angekommen sind?

RIEGERT: Die Frage müssen andere beantworten.

Finden Sie es korrekt, dass in Böhmenkirch kurzfristig viele neue CDU-Mitglieder als Wahlhelfer für Herrn Färber angeworben wurden?

RIEGERT: Das entspricht leider der CDU-Satzung.

Aber finden Sie es okay?

RIEGERT: Das muss das jeder für sich beantworten.

Im Nachhinein haben Sie doch sicher mit vielen Parteifreunden Gespräche geführt. Was kam bei dieser Ursachenforschung zur Sprache?

RIEGERT: Die meisten, mit denen ich gesprochen habe, waren enttäuscht und entsetzt. Ich habe das scherzhaft Kondolenzzeit genannt. Ich hatte das Gefühl, dass ich den einen oder anderen aufrichten musste. Ursachenforschung zu betreiben, halte ich für müßig. Ein bisschen bedaure ich, dass nicht der ein oder andere vor ein, zwei Jahren auf mich zugekommen ist, dass nie jemand mit mir darüber gesprochen hat, was ich denn besser oder anders machen könnte.

Es ist doch bloß normal, wenn man sich fragt, was habe ich falsch gemacht, was hat sich im Gegensatz zu den vielen Jahren zuvor verändert?

RIEGERT: Es hatte sich sicher etwas verändert. Man hat das an teilweise hämischen Reaktionen an dem Abend bemerkt. An einem Tisch wurde meine Mitarbeiterin ausgebuht. Es war eine seltsame Stimmung in der Halle, die ich bei der CDU noch nie erlebt habe. Doch die Stimmen sind ausgezählt, Mandate hat man auf Zeit.

Sind an dem Abend Freundschaften kaputt gegangen? Das hatte ja doch schon Putsch-Charakter, man war Ihnen gegenüber vorher nicht offen.

RIEGERT: Das würde ich jetzt so nicht formulieren. Ich habe ja schließlich auch fast 200 Stimmen von meinen Anhängern erhalten.

Wie geht es jetzt bei Ihnen weiter?

RIEGERT: Ich bin ja bis Herbst 2013 noch Abgeordneter, ich werde meine Verpflichtungen natürlich erfüllen. Und für danach gibt es schon erstaunliche Angebote, die aber noch unverbindlich sind.

In welche Richtung gehen die?

RIEGERT: Ich habe mich in alle Richtungen geöffnet.

Wirtschaftlich sind Sie ja abgesichert.

RIEGERT: Das ist ein Irrtum. Das möchte ich aber nicht öffentlich erörtern.

Sie könnten, wenn Sie wollten, wieder bei der Kriminalpolizei arbeiten.

RIEGERT: Ja, ich könnte als Kriminaloberkommissar wieder in den Polizeidienst gehen. Das wäre eine der Optionen - ich schließe momentan nichts aus.

Wenn Sie heute Ihre 20-jährige Abgeordnetentätigkeit Revue passieren lassen, wie fällt die Bilanz aus?

RIEGERT: Ich ziehe für mich eine positive Bilanz. Es wird einiges bleiben - ich denke an die Hohenstaufenstiftung, an den Kreisbehindertenring, an das Hospiz. Und dann die interessanten Jahre, was man da alles erlebt hat, was es zu feiern gab und welche schmerzhaften Dinge.

Was waren Highlights?

RIEGERT: Kanzlerwahlen, Bundespräsidentenwahlen, der nationale Rettungsschirm - über 480 Milliarden Euro, innerhalb einer Woche im Gesetzblatt. Schwierige Zeiten waren während der Parteispendenaffäre: Da hat sich ein Fraktionsmitarbeiter erhängt, dem man auf die Schliche gekommen war, dass er Betrügereien begangen hatte. Da saß ich dann in der Fraktion und dachte: Wo bin ich da eigentlich? Ich war aber auch dabei bei der Einführung des Euro, beim Parlamentsumzug von Bonn nach Berlin.

Hat die Tätigkeit in Berlin die Person Riegert verändert, gar verbogen?

RIEGERT: Nein, aber die Zeit hat sich verändert. Der Übergang von Industrie- in die Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft bringt es mit sich, dass alles schnelllebiger geworden ist. Man sieht das auch an den Nicht-Wiederwahlen von Bürgermeistern, dass Verdienste nicht wirklich ein Garant sind, sondern dass sehr schnell ein Wechsel stattfindet.

Sie selbst konnten sich treu bleiben?

RIEGERT: Ich glaube, weitestgehend ja. Ich habe mich immer für die ehrliche Variante entschieden. Vielleicht habe ich zu wenig geklappert. Auch insofern bin ich mir treu geblieben.