Heimatfest Kinder erobern die Stadt

Göppingen / Peter Buyer 17.06.2018

Die Füchse halten den Verkehr auf. Schon vor dem Start des Festzugs am Samstag laufen die Kinder der Janusz-Korczak-Schule ganz gelassen über die Zeppelinstraße Richtung Innenstadt. Ganz hinten die Viertklässler, verkleidet als Rechenfüchse. „Eins, zwei, drei, vier, die Rechenfüchse, das sind wir“, hallt es durchs Reusch, das halbe Dutzend Autos, das hinter den Füchsen im Schritttempo her zuckelt, bemerken die Kinder gar nicht. Am Maientag gehören die Straßen der Stadt den Kindern.

Rund um den Marktplatz sammeln sie sich, aber zuerst ist der OB dran. Auf dem rot-weiß geschmückten Rathausbalkon hinter den bunten Flaggen Göppingens und seiner Partnerstädte ist Guido Till kaum zu sehen. Damit trotzdem alle gucken, kündigen vier Fanfaren den OB und seine Rede an (siehe Infobox). „Was für ein herrlicher Blick über die farbenfroh gefüllten und bunt gesäumten Straßen. Diesen Ausblick und dieses Kribbeln in uns, das schenkt uns nur unser Göppinger Maientag.“

Und er hat recht: Soviel Farbe ist selten in der Stadt. Sogar an seinem Revers prangt ein rotes Blümchen, an dem von Edgar Wolff sogar ein rotes und ein weißes, dazu trägt der Landrat ein rosa Hemd. Aber nicht nur die Polit-Prominenz sorgt für Farbe, sondern vor allem die Kinder, die nach Tills Rede endlich losziehen dürfen.

Nach den Honoratioren machen die rot-weißen gewandteten Schüler der Südstadt-Grundschule den Anfang. Danach wird es noch bunter, die Bodenfeld-Grundschule hat die Fußball-WM als Thema, die Schüler ziehen in den Landesfarben der teilnehmenden Nationen unterm Rathausbalkon vorbei, nach dem glanzvollen Auftritt Ronaldos am Abend zuvor weht die Flagge Portugals besonders stolz im Wind auf der Hauptstraße. Die Schüler der Grundschule im Stauferpark ziehen als grüne Raupe Nimmersatt und kleine Vampire verkleidet durch die Stadt. Und sorgen als Robin Hood für Gerechtigkeit– vom Nottingham Forest übers Oberholz bis in die Hauptstraße. Dann kommt das platte Land, eine Gruppe der Albert-Schweitzer-Schule läuft hinter einer Windmühle in holländischer Tracht durch die Straße. Bei der WM dürfen die Niederländer nicht mitspielen, dafür aber die Mexikaner, einige Schüler verschwinden komplett unter den großen Sombreros.

Auch auf den Köpfen der dichtgedrängten Zuschauer geht es bunt zu: Strohhüte, Kopftücher und Baseball-Kappen, die Sonne brennt schon um halb elf. Und Party ist um diese Uhrzeit auch schon: Die Schiller-Realschule feiert ihren 50. Geburtstag. Die Schüler-„Geburtstagskinder“ tanzen und tröten in roten, blauen, gelben und orangenen T-Shirts durch die Straßen, ab und zu regnet es Glitzer-Konfetti auf die Feiernden. Nach den Schulen folgen die Vereine und der historische Umzug mit den üblichen Verdächtigen Barbarossa und Co. Stadtgeschichte geschrieben haben aber nicht nur Kaiser und Herzöge, auch Autos. Ein alter Unimog zieht den qualmenden Anhänger, der an den großen Stadtbrand von 1782 erinnert. Die ersten Unimogs, seit Anfang der 1950er Jahre bis heute von Daimler-Benz gebaut, kamen von 1949 bis 1951 aus den Werkhallen Boehringers in Göppingen.

Und dann knattert es nochmal. Eine Herde kleiner, kugeliger Fiats 500 kommt daher, streng bewacht von einem größeren Fiat mit „Carabinieri“-Lackierung. Als Erinnerung an die ersten Einwanderer aus Italien, die vor 60 Jahren in die Stadt kamen. Die sorgten damals mit Spaghetti nicht nur für Neues auf den Tellern, sondern mit dem Fiat 500 auch für bunte Vielfalt auf den Straßen zwischen deutscher automobiler Hausmannskost wie Käfer und Kadett. Aber bevor die Autos wieder die Straßen der Stadt zurückerobern, sind nochmal die Kinder dran. Mitten auf der Hauptstraße hocken zwei kleine Mädchen und sammeln in aller Seelenruhe glitzernde Konfetti-Schnipsel vom Asphalt.

Kindern mehr Zeit geben

Rede In seiner Maientags-Rede erinnerte Oberbürgermeister Guido Till an die siebenjährige Luisa. Am 11. August 1650 war sie eines von 300 Kindern, das zum allerersten Maientag durch die Stadt zog. Anlass war das Ende des 30-jährigen Krieges. Luisa und die anderen Kinder hatten wohl Zeit, den Moment und den Umzug zum Feiertag zu genießen, „auskosten wollte Luisa diesen großen Augenblick und für immer im Herzen bewahren“, sagte Till.

Zeit Heute hätten viele Kinder allerdings nicht mehr genug Zeit, den Moment zu genießen. Stattdessen hetzten sie, auch getrieben durch hochgesteckte Erwartungen ihrer Eltern, von Termin zu Termin. Eine „verplante Kindheit“.

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