Bis vor Kurzem fürchteten noch viele Beschäftigte der WMF AG um ihren Arbeitsplatz. Denn das Management um Vorstandschef Peter Feld hatte im Frühjahr neben einschneidenden Umstrukturierungen den Abbau von über 600 Jobs angekündigt. Das erklärte Ziel unter dem neuen Mehrheitsaktionär, dem US-Finanzinvestor KKR, lautete, 30 Millionen Euro pro Jahr einzusparen. Letzteres sei erreicht, versichert WMF-Unternehmenssprecher Kai Hummel. Und wie versprochen, werde das nun sehr sozialverträglich umgesetzt.

Auch der Konzernbetriebsrat und die IG Metall werten das jetzt ausgehandelte Ergebnis als großen Erfolg: Demnach kommt es zu keinen betriebsbedingten Kündigungen. Diese Botschaft erfuhren die Beschäftigten am Dienstag
in Betriebsversammlungen.

Unternehmensleitung und Arbeitnehmervertreter haben sich über einen Interessenausgleich und Sozialplan geeinigt. Einem Großteil derer, die ihren angestammten Arbeitsplatz verlieren, werden an anderen WMF-Standorten alternative Arbeitsplätze angeboten; ihr Wechsel wird finanziell unterstützt. Für den Fall, dass die neuen Arbeitsorte zum Beispiel wegen der großen Entfernung nicht zumutbar sind, gibt es großzügige Abfindungs- und Auffanglösungen. So können Betroffene bis zu zwölf Monate in eine Beschäftigungs- und Qualifizierungsgesellschaft wechseln.

Betroffen sind etwa hundert Beschäftigte in Verwaltung und Versand bei den WMF-Töchtern Kaiser in Diez und Silit in Riedlingen. Die Kollegen könnten nun entspannt prüfen und entscheiden, ob sie an den Konzernsitz nach Geislingen wechseln, erläutert die Betriebsratsvorsitzende Martina Ende. Ein Wermutstropfen bleibe, dass die Besteckmarke Auerhahn und ihr Standort Altensteig aufgegeben werde. Sollte durch den Herzug von Beschäftigten in Geislingen ein Personalüberhang entstehen, würden sich beide Seiten über zusätzliche Teilzeit, Job-Sharing, Sabbatjahre und Altersteilzeit verständigen.

Altersteilzeitverträge

Im Lauf der Verhandlungen hatte der WMF-Vorstand bereits ein Freiwilligenprogramm aufgelegt. Wer das Unternehmen aus freien Stücken verließ und wer ohnehin bald in Rente gegangen wäre, dem winkten Abfindungen. Außerdem wurden Altersteilzeitverträge angeboten. Davon machten über 100 WMFler Gebrauch.

Bereits Mitte September wurde ein Sozialtarifvertrag und Teilinteressenausgleich für den Logistik-Bereich abgeschlossen. Damit wurden rund 240 Kündigungen, insbesondere bei Prolog in Geislingen, vermieden. Nun erreichten die Arbeitnehmervertreter, dass auch anderen WMFlern, deren Arbeitsplätze wegfallen, wie in der Galvanik bei Proheq in Geislingen, alternative Jobs angeboten werden.

Bernd Rattay, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Göppingen-Geislingen, schätzt, dass von den einst im Raum stehenden 600 Stellen tatsächlich zwei Drittel wegfallen. Es werde ja auch die alte Kochgeschirrfertigung stillgelegt. Außerdem müssten Leiharbeiter, gering und befristet Beschäftigte - insgesamt 150 bis 200 Personen - gehen. "Bei dieser gigantischen Verschiebung ist Geislingen aber mit einem blauen Auge davongekommen", so Rattay. Manhabe in harten, konstruktiven und offenen Verhandlungen aber die grundsätzliche Forderung, Kündigungen zu vermeiden, erreicht.

Das Verhandlungsergebnis führt Rattay darauf zurück, dass Belegschaften und Betriebsräte, unterstützt von Medien und der Öffentlichkeit, an einem Strang gezogen hätten. Die öffentlichkeitswirksamen Protestaktionen gegen die drohenden Massenentlassungen gipfelten im Juli in einer Menschenkette um das WMF-Areal in Geislingen.

Laut Rattay hat sich der WMF-Vorstand schriftlich zu Investitionen bekannt. In Riedlingen betrifft das die Produktionserweiterung. In Geislingen seien im kommenden Jahr 28 Millionen Euro vorgesehen - vorbehaltlich der Zustimmung des Aufsichtsrats. Sollte die WMF, wie geplant, die Fabrikverkäufe veräußern, müsse sie diese Investitionssumme aufstocken. Dem Betriebsrat ist ein Mitspracherecht garantiert. Das Geld soll in mehrere Projekte zum Ausbau der Infrastruktur und Bereinigung von Flächen fließen - leider noch nicht in eine moderne Kaffeemaschinenfertigung, bedauert der Gewerkschafter."Der Betriebsrat geht gestärkt aus den Verhandlungen hervor", lautet Rattays Einschätzung. Im Gegenzug könne das WMF-Management die angestrebte Reorganisation realisieren.

Erste Stellungnahmen: "Das ist ein guter Tag für die Beschäftigten und für Geislingen"

In ersten Stellungnahmen begrüßen Wahlkreisabgeordnete die Einigung bei der WMF.

Ein "leichtes Aufatmen" verspüren die SPD-Abgeordneten Heike Baehrens und Sascha Binder, da es keine Kündigungen im Geislinger Traditionsunternehmen geben wird. "Das gute Verhandlungsergebnis ist der Geschlossenheit der Belegschaft und dem Einsatz der Gewerkschafter vor Ort zu verdanken", erklärt die Bundestagsabgeordnete Baehrens. Der Geislinger Stadtrat und Landtagsabgeordnete Binder betont noch einmal, wie wichtig es gewesen sei, dass die Bevölkerung hinter der Belegschaft stand. "Trotz des sehr guten Ergebnisses der IG Metall für die Beschäftigten bleibt für die Region ein bitterer Beigeschmack, denn die Arbeitsplätze werden uns dauerhaft fehlen", gibt Binder zu bedenken.

"Das ist ein guter Tag für die Beschäftigten der WMF, ein guter Tag für Geislingen und den gesamten Landkreis Göppingen", erklärt die CDU-Landtagsabgeordnete Nicole Razavi. Sie sei erleichtert, dass es am Konzernsitz der WMF in Geislingen nicht zu betriebsbedingten Kündigungen komme und sich Gewerkschaften und Geschäftsleitung einigen konnten. "Das ist ein tolles Signal für den Wirtschaftsstandort Geislingen." Der engagierte Einsatz der Arbeitnehmer, der Bürger aber auch der Politik habe sich gelohnt und gezeigt, wie hoch die Identifikation der Region mit dem Geislinger Traditionsunter-nehmen sei. Razavi dankt den Arbeitnehmervertretern und der Konzernspitze für ihre Kompromissbereitschaft. Razavis Fazit: "Zusammen mit den Beschäftigten der WMF, für die ich mich sehr freue, fällt mir ein großer Stein vom Herzen."