Arme, Hände und Hals sind tätowiert, seine Kleidung ist schwarz und er liebt Future Pop, Rockmusik wie Mittelalter-Rock  – so locker Mark Beneckes Privatleben, so diszipliniert und penibel analysiert der Spezialist für forensische Entomologie (Insektenkunde) mit wissenschaftlicher Akribie seine für ihn ganz „natürliche“ Arbeit. „Wir können nicht spurenfrei leben“, betont der auf der ganzen Welt gefragte promovierte (Kriminal)Biologe und Psychologe.

Der „Herr der Maden“

Ausgestattet mit Headset, Mikrofon und Laptop, steht der vielseitig agierende Kölner in der Göppinger Stadthalle ganz rechts vor der Bühne, die mit einer riesigen Leinwand ausgefüllt ist. Und bevor der „Herr der Maden“ mit selbigen loslegt, gilt es für die Besucher erst einmal, die ausführliche Regelliste zu verinnerlichen: Exakte Uhrzeiten von Pause und Veranstaltungsende, das Verbot von Fotos während des Vortrags, dafür unterschreibt er komplett ausgefüllte Fortbildungshefte, signiert „nur Haut und Bücher“ und rät den Zuschauern: „Wer nichts sieht oder hört, bitte jetzt zum Veranstalter gehen.“

Als lebendiges Anschauungsobjekt hat der 48-Jährige, der sich bei der Tierschutzorganisation „Peta“ einsetzt, zwei „Fauchschaben“ in einer Plastikdose mitgebracht. Und meistens waren es die Frauen, die den Allesfressern aus Madagaskar kurz die Freiheit auf ihrer Hand gönnten. Und dann geht der Mann, der „am liebsten im Wald verwesen würde“ und bekennender Veganer ist, ans Eingemachte.

Während Marc Benecke schnell, extrem deutlich und überaus sachlich die Verwesungs- und bakteriellen Fäulnis-Vorgänge erklärt, klickt sich der Fernsehexperte aus „Autopsie – Mysteriöse Todesfälle“ oder „Medical Detectives“ bereits im ersten Teil durch schwarze Brand- und aufgedunsene Wasserleichen, zeigt völlig vertrocknete Körper – Menschen, die als solche kaum noch zu erkennen sind. Und erklärt: „Schinken ist auch nur getrocknetes Fleisch vom Bein eines toten Schweines, durch die Trocknung haben Bakterien keine Chance.“ Dazu kommt ein Foto einer Leiche, die aufgrund ihrer Liegesituation stellenweise mumifiziert ist und unterschiedliche Farben aufweist, die einem Schinkenlaib in einer Metzgerei gleichen.

Bilder für Hartgesottene

Obwohl der Anblick von grün-blau-grauer Fäulnis, ausgefressenen Gesichtern sowie abertausenden Larven auf sämtlichen Körperstellen – ein sogenannter Madenteppich – selbst hartgesottenen einiges abverlangt, verlässt keiner vorzeitig den Saal. Die schwangeren Weibchen der Schmeißfliegen nehmen bereits sehr früh „Butan-1-ol“ von der Leiche wahr und legen besonders bei Wärme sofort ihre Eier in die verfaulten Körperstellen ab – dorthin, wo kein Sauerstoff hinkommt, also in Wunden, Mund oder Augen. Etwas anders verhält es sich bei Leichenfunden in Wohnungen, da spielen Klimazonen, Lichtquellen, Belüftung sowie die Liegesituation eine Rolle, weiß der Rechtsmediziner.

Hochinteressant, was die Zuschauer noch alles dazu lernen. So beginnt das Sterben eines Menschen in dem Moment, in dem die abbauenden Prozesse schneller sind, als die aufbauenden. Auch wachsen Haare und Nägel nicht nach dem Tod weiter, vielmehr zieht sich das Nagelbett zurück und ebenso gibt es kein Leichengift, erklärt Marc Benecke, der sich zudem mit Serienmördern wie Charles Manson unterhalten hat. Gelächter gibt es bei der Feststellung, dass „heterosexuelle verheiratete Männer wie Obdachlose die ungepflegtesten Füße und Zehennägel haben“.

Zwischendurch erwähnt der Fachmann die Charaktereigenschaften mancher Mörder. Treffen beispielsweise Narzissmus – der nicht therapierbar sei – und antisoziale Persönlichkeitsstörung aufeinander, spreche man von einem Psychopathen. Selbst wenn er, wie er betont, bei seinen Gutachten „Postmortales Herum-Klugscheißen“ nach dem Motto „das-hätte-ich-dir-vorher-sagen-können“ nicht mag, fordert Benecke das Publikum stetig auf, Fragen zu stellen. Und das machen die Besucher in der Pause schriftlich, Originalzitat von Marc Benecke: „Ich habe selten so viele niveauvolle Fragen wie hier bekommen.“ Diese beantwortet er ausführlich im zweiten Teil, in dem es überwiegend um Bakterien geht – und der den meisten Besuchern etwas zu trocken war.