Führung Jüdischer Friedhof zeigt gesellschaftlichen Wandel

Bei einer Führung über den jüdischen Friedhof ist viel zu erfahren.
Bei einer Führung über den jüdischen Friedhof ist viel zu erfahren. © Foto: Inge Czemmel
Jebenhausen / Inge Czemmel 24.08.2018

Windschief, mit Moos und Flechten bedeckt, von Efeu zugewuchert und von der Witterung zersetzt – auf vielen Grabsteinen des jüdischen Friedhofs ist die Inschrift nicht mehr lesbar. „Gemäß des Glaubens, dass im Tod alle gleich sind, werden jüdische Gräber und Friedhöfe dem Zeitlichen überlassen“, erklärt Margit Haas. „Die Totenruhe ist im Judentum ein hohes Gut. Ein Grab wird weder mehrfach belegt noch entfernt. Irgendwann wird der Friedhof zum Naturdenkmal.“

Über 30 Interessierte sind der Einladung des Geschichts- und Altertumsvereins gefolgt, der gemeinsam mit dem Stadtarchiv Göppingen Führungen rund um die Stadtgeschichte anbietet. Margit Haas weiß nicht nur über den Begräbnisplatz am Kreuzhaldenweg mit seinen rund 350 Gräbern etwas zu erzählen, sondern auch wie es in Jebenhausen zu einer jüdischen Gemeinde kam. Da es Juden in Württemberg untersagt war, sich anzusiedeln waren sie auf kleine Herrschaften angewiesen.

Jebenhausen stand unter der autarken Herrschaft der Freiherren von Liebenstein, die 1777 sogenannten „Schutzjuden“ gegen Bezahlung und vertragliche Regelungen erlaubten, sich nieder zu lassen. Den Juden, die sich entlang der heutigen Durchgangsstraße und am Vorderen Berg ansiedelten, war es nicht erlaubt ein Handwerk auszuüben. Berührungspunkte gab es aufgrund der Religion nur zwecks Handwerk und Handel.  Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurden Juden immer mehr gleichberechtigt und 1864 den Christen gleichgestellt.

Erfolgreiche Unternehmer

„Der Friedhof liest sich wie die Assimilation in die Gesellschaft“, macht Margit Haas deutlich. Der soziale, gesellschaftliche und kulturelle Wandel ist klar zu erkennen. Auf dem ältesten Teil des Friedhofs (ältester Stein 14.10.1781) sind gemäß des Grundsatzes „im Tod sind alle gleich“ nur einfache Stelen mit dem immer gleichen Aufbau zu sehen. Erst ab 1828 sind Nachnamen eingraviert. Zunächst in hebräischer, später in hebräischer und lateinischer und schließlich nur noch in lateinischer Schrift. Der westliche Teil ist mit seinen Familiengräbern und monumentalen Grabsteinen nicht mehr auf den ersten Blick als jüdischer Friedhof erkennbar.

Im Zuge der Industrialisierung hatte es viele Juden nach Göppingen gezogen. Sie wurden bis zum „Dritten Reich“ Teil der Gesellschaft. Auf vielen Grabsteinen sind Namen erfolgreicher Industriepioniere und Unternehmer zu entdecken.

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