„Ich hab in meinem Leben/ viele Briefe geschrieben,/ jedes meiner Gedichte ist ein Brief an jemandem,/ den ich nicht kenne …“ Das Gedicht mit diesem Anfang hat der nach seiner erzwungenen Ausreise aus der Tschechoslowakei 1946 in Eislingen lebende Schriftsteller Josef Mühlberger 1960 geschrieben.

Diese Zeilen könnten auch das Motto einer Lesereise der Lyrikerin Tina Stroheker ins Riesengebirge Ende April sein. In Mühlbergers Heimatstadt Trutnov/Trautenau sprach sie auf Einladung des Vereins für deutsch-tschechische Verständigung im Begegnungszentrum über seine Lyrik, darüber hinaus arbeitete sie im Gymnasium der nahen Stadt Vrchlabí/Hohenelbe mit Schülern.

Auch wenn Mühlberger vor allem Erzähler war, liebte er das Schreiben von Gedichten. Tina Stroheker las und interpretierte im Begegnungszentrum Gedichte sowohl des jungen Autors (erschienen ab 1926 im „Prager Tagblatt“) als auch des alten Mannes: Noch in seinen letzten Lebensmonaten schrieb dieser ja die „Verse aus dem blauen Zimmer“ (in seiner Wohnung in der Eislinger Zellerstraße). Inhaltliche Schwerpunkte seiner Lyrik (Liebe, Südeuropa, Böhmen, das Altern) und ihre ästhetische Form (anfangs gereimt, später meist freie Formen) standen im Zentrum der kommentierten Lesung. Es zeigte sich großes Interesse des Publikums an Mühlbergers Beziehung zur tschechischen Lyrik, mit der er sich eingehend befasst hat.

Im Gymnasium Vrchlabí hatten die Schüler Gedichte Mühlbergers ins Tschechische übersetzt. Unter Moderation ihrer Lehrerin Hana Jüptnerová, einer im deutsch-tschechischen Verständigungsprozess engagierten Deutschlehrerin, Dolmetscherin und Übersetzerin, unterhielt man sich über die Texte, ihre Übersetzungen und über Fragen des Übersetzens von Lyrik. „Schön und interessant“, so kommentierten Schüler diese Stunden.

Im Oktober 2015 hat in Trutnov eine Konferenz über Mühlberger die Diskussion über den Sohn der Stadt neu belebt, und es sieht so aus, als werde diese auch in Zukunft weitergehen – für Tina Stroheker „ein Anlass zur Freude“.

Info Josef Mühlberger wurde am 3. April 1903 in Trautenau in Böhmen geboren. 1934 erschien sein bis heute bekanntes Buch „Die Knaben und der Fluß“. 1946 mussten sein Bruder Alois und er während der Vertreibung der Deutschen aus der Tschechoslowakei Trautenau verlassen. Er fand in Eislingen ein neues Zuhause. Dort starb er am 2. Juli 1985.