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Jörg Kachelmann hat mittlerweile eine neue Firma, neue Familie und neue Anerkennung als Meteorologe. Im Interview mit der NWZ erzählt Kachelmann, wie ihn die Sorge um seinen Ruf umtreibt.

„Der Kleine, der jetzt zwei ist, was liest der mal später in Google?“ Um, aus seiner Sicht, Gerechtigkeit wiederherzustellen, möchte er die Frau verurteilt sehen, die ihn 2010 angezeigt hatte. Nach seinem Freispruch Ende Mai 2011 sah das aber noch anders aus: Zwar konnte das Mannheimer Gericht dem Meteorologen die Beschuldigung der Vergewaltigung und Körperverletzung nicht nachweisen – dennoch verlor er seinen Job als Wetterexperte in der ARD. Im Gespräch mit der NWZ spricht der Schweizer Meteorologe auch über seine Zukunftspläne und erklärt, warum er wohl nicht mehr als Wetterfrosch im Fernsehen zu sehen sein wird. Dafür preist er seine neue Website an. Warum? „Es geht um meine Existenz.“

Herr Kachelmann, Sie wollten schon früh Meteorologe werden. Warum?

JÖRG KACHELMANN: Ungefähr 1968 war die Schlauchboot-Zeit. Wir waren jedes Wochenende mit dem Schlauchboot auf dem Bodensee. Später dann mit dem Segelboot. In den Sommerferien waren wir wirklich vom ersten bis zum letzten Tag, also fünf Wochen, praktisch immer auf dem See draußen. Manchmal sind wir quer über den See gefahren. Dann war es halt spannend, was passiert, wenn man über den ganzen See getrieben wird. Es konnte auch sein, dass der Motor nicht ansprang. Das waren so die spannenden Situationen. Ich hatte so ein Badethermometer, diese Plastikdinger. Das hab ich dann ans Segelboot gehängt, dauernd abgelesen und aufgeschrieben. Das hat mich durch die Tage und Wochen gebracht, gerade wenn schlechtes Wetter war, und es hat mich nie mehr losgelassen. Aber ob ich mir wirklich Gedanken über die Meteorologie gemacht habe, das weiß ich nicht. Ich glaube, das kam erst später.

Wie hat sich die Arbeit der Meteorologen über die Jahre verändert?

Es ist halt immer technischer geworden. Letztendlich sind die Hilfsmittel immer schöner geworden mit den Computermodellen und den Satellitenmodellen. Das, was wir halt auf unserer berühmten Website Kachelmannwetter.com alles drauf haben. Das ist die beste Wetterseite im Netz: Radar aufgelöst wie sonst nirgends, wunderbare Vorhersagen, alle fünf Minuten neue Satellitenbilder. Ich hab nach 2010/11 eine Phase gehabt, wo ich das Gefühl hatte, ich hätte die Faszination verloren. Da hab ich schon gedacht: Oh, es ist weggegangen. Aber inzwischen ist die Faszination wieder voll da.

Ist die Meteorologie interessanter geworden mit zunehmender Technik?

Für mich hat sich nichts geändert. Eine wichtige Qualität für die Vorhersagen ist auch Bauchgefühl. Ich hab ja 1983 angefangen, Zeitungswetter zu machen. Es sind jetzt 33 Jahre diesen Sommer. Das ist schon eine lange, große Erfahrung. Wenn ich irgendwo umgezogen bin in meinem Leben, dann stand immer als erstes die weiße Wetterhütte. Früher hat man das ja immer mit einer weißen Holzhütte gemacht, wo die Instrumente drin waren. Ich glaube, leidenschaftliche Meteorologen müssen das so machen. Jeden Montagmorgen wechsle ich den Registrierstreifen von diesen altväterlichen Geräten. Daher hat sich für mich eigentlich nichts geändert.

Zukunftspläne . . .?

Es hat jetzt auch niemand darauf gewartet, dass ich auch noch mit der 184. Wetterwebsite komme. Ich bin ja auch nicht mehr der Jüngste. Mit 57 nochmal von Null anfangen ist nicht einfach. Ich kann Wetter vorhersagen und das war's dann auch. Ich kann nur wieder eine Firma aufmachen und hoffen, dass ich in nützlicher Frist in die schwarze Zahl komme. Berufsberatungstechnisch keine einfache Voraussetzung, gerade in dem Alter, wo man es langsam ruhiger angehen lassen soll. Das ist jetzt halt durch 2010 und 2011 kaputt gemacht worden.

Sie sprechen die Zeit an, als Sie wegen des Vorwurfs der Vergewaltigung und der Körperverletzung vor Gericht kamen. Sie wurden freigesprochen. Gibt es Positives, das sich für Sie danach ergeben hat?

Opfer eines Verbrechens zu sein, hat nie irgendeinen positiven Effekt. Ich hätte damals gerne beruflich weitergemacht, wo ich war. Ich wäre gerne nicht 132 Tage unschuldig im Gefängnis gewesen und nicht wie die Sau durch das Mediendorf getrieben worden. Ich hätte nicht gerne 44 demütigende Prozesstage diesen Schwachsinn über mich hören müssen von Richtern, Staatsanwälten und lügenden Menschen. Das war nicht leicht auszuhalten - auch schweigend. Alles das, was ich jetzt an Positivem erreiche, das hätte ich auch unter anderen Umständen geschafft.

Das, was geschehen ist, nagt noch an Ihnen?

Das ist etwas, das man nie vergisst. Ich träume manchmal noch von der Zeit. Das sind dann immer so Träume aus der Mannheimer Zeit: Ich habe das Gitter, den Schatten davon über mir an der Decke und wenn ich in den ersten 0,5 Sekunden aufwache, da hatte ich ja noch nicht verinnerlicht, wo ich war, dann wird einem mit 200 Puls bewusst: Okay, ich bin da, ich bin wirklich da und ich bin immer noch da und es ist falsch, dass ich da bin. Ich hab' ja eine Familie. Da muss ich auch immer dran denken. Deshalb auch der konsequente Kampf gegen den Schwachsinn, der geschrieben wird. Der Kleine, der jetzt zwei ist, was liest der mal später in Google? Was fragt der mich dann? Ich möchte ihm dann wenigstens zeigen können, das ist Blödsinn, Bub. Und der Vater hat alles gemacht, um zu beweisen, dass er kein Verbrecher ist, sondern ein Verbrechensopfer. Ich möchte das nicht einfach so auf sich beruhen lassen.

Kann man denn von Genugtuung sprechen?

Die Geschichte war von vorne bis hinten erlogen. Es ist von vornherein eindeutig gewesen, und deswegen war für mich immer klar, dass ich die Verurteilung dieser Frau anstreben möchte. Das ist für mich wichtig. Ob Genugtuung das richtige Wort ist? Ich will den Glauben auch an die deutsche Justiz zurückhaben. Ich finde ja nicht alle Richter blöd. Dass ich grundsätzlich Vertrauen in die deutsche Justiz habe, zeigt ja auch, dass ich die Justiz anrufe, um letztendlich Gerechtigkeit, Recht und Rechtsfrieden herzustellen.

Nach ihrem Freispruch sind Sie ja vor den Paparazzi geflüchtet.
Ich bin einfach verfolgt worden nach dem Freispruch und hab' die dann in einer Heidelberger Tiefgarage abgeschüttelt. So hab' ich dann die definitive Freiheit erlangt. Ich war damals in Frankreich.

Wie lange waren Sie denn untergetaucht?

Ich war nicht untergetaucht. Ich habe Urlaub in Frankreich gemacht. Nicht mehr und nicht weniger. Wir haben auch keine Tarnkappen gehabt. Wir haben einfach Urlaub in Frankreich gemacht.

Wie frei sind Sie heutzutage? Wie sehr achten Sie auf Ihre Umgebung?

Klar ist, dass ich hier im Hotel nicht alleine mit einer Frau in den Aufzug gehe. Sie müssen auch sehen: Der Richter im aktuellen Prozess gegen die Falschbeschuldigerin hat zumindest die Möglichkeit nicht ausgeschlossen, dass er die Frau verurteilen möchte. Es ist ja schon sehr speziell, wenn jemand eine Lüge so lange durchzieht. Das zeigt auch ein großes Moment an verbrecherischer Energie. So lange. Das bedeutet, dass so eine Person wahrscheinlich alles machen würde, um letztendlich das abzuwenden, was vielleicht passiert, wenn alles richtig läuft. Deswegen muss ich einfach vorsichtig sein.

Haben Sie heute noch das Gefühl, dass die Leute auf der Straße Ihnen schiefe Blicke zuwerfen?

Geguckt wurde ja auch schon vor 2010, weil ich eine Fernsehnase war. Jetzt, wenn ich den Kinderwagen durch die Gegend schiebe, gibt's halt andere Blicke. Aber da mache ich mir keine Gedanken. Das ist mir eigentlich Wurst.

Nervt Sie das Thema mittlerweile?

Ich bin 57 Jahre alt und irgendwie ist alles 2010/2011. Ich wurde 2010 Opfer eines Verbrechens und ich muss die ganze Zeit drüber erzählen. Das ist ein bisschen anstrengend. Aber ich weiß auch, dass es halt immer noch Teil meines Lebens ist. Ich kann jetzt nicht sagen, ich hab' keine Lust drüber zu reden. Das wäre inkonsequent.

Gehen Sie jeden Tag ins Büro?

Nein. Jeder Tag ist ein Gemisch aus Arbeit, Windelwechseln und mit den Vor- und Nachteilen des Freiberuflers: Freiheit, die auch bedeutet, dass der Arbeitstag manchmal kein definiertes Ende hat, wenn der Kleine schläft.

Sind Sie deshalb auf Werbetour?

Ich habe es jetzt einmal gemacht bei "Schulz und Böhmermann". Was ist denn eine Werbetour?

Sie erwähnen Ihre Website bei allen Möglichkeiten.

Sieben Mal. Irgendjemand hat nachgezählt. Es geht um meine Existenz. Es geht um die Arbeitsplätze der Leute. Ich hab' ja sonst kein Forum. Ich hab' kein Geld, Werbung zu machen und große Plakate aufzuhängen. Jeder Unternehmer, der nicht die Möglichkeit nutzt, Werbung für sein Unternehmen zu machen, ist ein schlechter Unternehmer. Ich möchte kein schlechter Unternehmer sein.

Wann kommt Jörg Kachelmann wieder ins Fernsehen?

Die Wahrscheinlichkeit, dass ich in irgendeiner Form ins normale, große Fernsehen komme, sehe ich als sehr gering an. Ich habe da auch keinen großen Phantomschmerz. Es ärgert mich, dass sich die ARD nach 18 Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit mit einer Lügnerin solidarisiert hat.

Es fragt Sie zwar momentan keiner, aber wollen Sie wieder ins Fernsehen?

Ich wollte gerne, dass man solidarisch mit mir gewesen wäre damals. Dass man nicht dieser Frau den Triumph gegeben hätte, dass sie das geschafft hat. Gerne hätte ich selber bestimmt, wann ich zu alt bin. Es gibt so viele Falschbeschuldigungen. Es funktioniert halt immer. Das ist ärgerlich.

Steckbrief

Name: Jörg Kachelmann

Geburtstag: 15. Juli 1958

Geburtsort: Lörrach

Privat: Schweizer; verheiratet, drei Kinder

Beruflicher Werdegang: als Schüler Jobs in Wetterstationen, studiert bis 1983 Mathematik, Physik, Geographie und Nebenfach Meteorologie in Zürich; nach Studienabbruch Journalist, Wettervorhersagen für damaligen Südwestfunk, 1989 eigene Wetterstation, 1991 Gründung der Meteomedia AG, Zusammenarbeit mit der ARD, ab 1994 Moderation "Das Wetter im Ersten" sowie Unterhaltungsshows; 2010 wirft ihm eine Exfreundin Vergewaltigung vor, 2011 Freispruch für Kachelmann vor Gericht. Seit 2010 Wettervorhersagen fürs Radio, eigene Website, 2013 übernimmt Meteo Group "mminternational", zuvor Meteomedia Bücher: mit Siegfried Schöpfer "Wie wird das Wetter?"; mit Christoph Drösser "Das Lexikon der Wetterirrtümer", mit Miriam Kachelmann "Recht und Gerechtigkeit" Auszeichnungen: 2001 Bootschafter der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger, 2003 Europäischer Solarpreis