JOAS NOTIZEN AUS DER PROVINZ: Wulff und Walz

SWP 11.02.2012

Kennen Sie sie? Die Stimme aus dem Off. Sie sagt uns, quasi körperlos, was Sache ist, erklärt uns die Welt und das Geld. Gerade in jenen bewegten Zeiten des 21. Jahrhunderts wäre eine Stimme aus dem Off dringend notwendig. Vielleicht könnte sie uns sagen, warum Christian Wulff sich gefühlte 976 Mal von Millionärsfreunden in den Urlaub einladen ließ. Zudem könnte uns die Stimme vielleicht erklären, warum noch kein Reiseveranstalter einen Wulff-Katalog mit den schönsten Gratisreisen unseres Bundespräsidenten herausgebracht hat. Interessant wäre auch zu wissen, wer es war, der das verhängnisvolle Upgrade vom Ministerpräsidenten zum Bundespräsidenten bezahlt hat und welche Unternehmergattin ihm den Millionen-Privatkredit für Schloss Bellevue gewährte. So einen Herrschaftssitz kann der doch unmöglich mit eigenem Bargeld finanziert haben. Das sind Fragen, die einen in der heutigen Zeit beschäftigen.

Eine solche Stimme aus dem Off könnte auch zur Klärung der Frage beitragen, warum wir nun schon gefühlte 576 Rettungspakete nach Griechenland geschickt haben und warum die Griechen gefühlte 748 Rettungsschirme brauchen, wo es doch bei denen gar nicht regnet. Alles Fragen, mit denen wir uns allein gelassen fühlen. Doch noch ist nicht aller Tage Abend. Jetzt, da Otto von Bismarck post mortem quasi hinter dem Bett seine Stimme wieder gefunden hat, besteht Hoffnung. Der Mantel der Geschichte, der Helmut Kohl permanent begleitet hat, wurde endgültig gelüftet. Der frühere Reichskanzler spricht zu uns. Dank einer Wachswalze des amerikanischen Erfinders Thomas Alva Edison hat er den Sprung zurück in die Zukunft geschafft. Hat uns Bismarck eine "Emser Depesche" in die Gegenwart geschickt? Wird er - auf der Walz durch die Historie - alles entkräften, was Gemeines über unseren Bundespräsidenten gesagt wurde? Oder wird er ihn mit preußischem Tadel niederwalzen. Der erste Hörtest fällt enttäuschend aus: Bismarck war Engländer.

Auf der von uns für echt befundenen Audio-Datei erinnert er sich gerne an die guten alten Kolonialzeiten. "In good old colony times, when we lived under the King". Jetzt wird er gleich den Elvis geben, denken wir, als sich herausstellt: Er war Franzose. Als solcher hat er unter phonographischer Aufsicht eines Mitarbeiters von Edison die Marseillaise getextet. "Allons enfants de la Patrie". Oder war er Deutscher? Jedenfalls kannte Bismarck weder gratisurlaubende Bundespräsidenten noch dauerschuldenmachende Griechen.

Oder doch? Am Schluss sagt er es: "Treibe alles in Maßen und Sittlichkeit, namentlich das Arbeiten, dann aber auch das Essen, und im Übrigen gerade auch das Urlauben."