JOAS NOTIZEN AUS DER PROVINZ: Ganz ehrlich

SWP 15.03.2014

Nein, wir werden nichts über Uli Hoeneß schreiben, kein Wort, nicht von der Furcht, dass die Mannschaft der JVA Landsberg bald die Champions-League dominieren könnte und auch nicht über die jetzt unweigerlich in München drohende Vakanz-Arena. "Wer selbst ohne Steuerbescheid ist, der werfe den ersten Stein", sagen wir da nur und widmen uns wichtigeren Themen - nicht ohne uns vorher über die schleichende Zunahme der Selbstanzeigen in unserem Freundeskreis zu wundern. Waren es anfangs noch 3,5 Millionen, wurden es schnell 18,5 und jetzt sind es 28,5 Millionen. Alle wollen jetzt alles zugeben und sich vor allem zu allem bekennen.

Auf einen derartigen Ansturm sind die Finanzämter nicht vorbereitet. Die Bundesregierung hat reagiert und zum freiwilligen Finanzdienst in den Steuerbehörden aufgerufen. Dort stehen Heerscharen mit Transparenten - "Ich bin ein Uli - vor der Tür und wollen sich die Finanzbeichte abnehmen lassen. Frei nach einer in Fußballvereinspräsidentenkreisen nicht ganz unbekannten Schweizer Bank wird solches Verhalten inzwischen vontobeln genannt. Ein soziales Netzwerk gleichen Namens hat unglaublichen Zuspruch gefunden. Twittern war gestern, jetzt wird allenthalben vontobelt.

Doch eigentlich wollen wir über Uli Hoeneß und die Vontobel-Bewegung gar nichts schreiben. Nein, uns soll es heute um Dirty Harry - nicht "Dirty Uli" - gehen, einen, der garantiert noch nie vontobelt hat. Für eine handvoll Dollar mehr hatte Dirty Harry sein Versprechen, künftig ohne Zuschauer aufzutreten, in den vergangenen Jahren gnadenlos eingehalten. Da bekommt der Ausdruck Bezahlsender eine ganz neue Bedeutung. Im übrigen war Harald Schmidt auch ein Zocker, wie er zugab, als er sich nach 19 Jahren in der Hölle der deutschen Fernsehunterhaltung von seinem nicht vorhandenen Publikum mit unverhohlener S-uli-darität verabschiedete. Dabei hat er sich tatsächlich doch zum Vontobeln hinreißen lassen: "Wir haben beide Millionen verzockt - er Euro, ich Zuschauer." Ein Vergleich, der zwar hinkt - wann hatte Harry jemals 28,5 Millionen Zuschauer? - gleichwohl aber ins allgemein um sich greifende Bekennerfieber passt. Auch wenn das vor dem Hintergrund der Verurteilung von Uli seltsam erscheinen mag: Vontobeln wirkt durchaus befreiend.

Ausnahmen wie die Steuer-Expertin Alice Schwarzer, die beim Hoeneß-Prozess aus unerfindlichen Gründen nicht als Prozessbeobachterin aufgetreten war, bestätigen die Regel: Steuerehrlichkeit ist angesagt. Das hat auch Harald Schmidt inzwischen erkannt: "28 Millionen Euro! Dafür hätte Hoeneß Christian Wulff 36 000 mal zum Oktoberfest einladen können."