JOAS NOTIZEN AUS DER PROVINZ: Auf die Masten!

SWP 21.04.2012

Ist Ihnen der Start der Spargel-Saison auch schon aufgefallen? Überall schießen die Dinger aus dem Boden und wachsen bis zu den Baumwipfeln hinauf. Vor allem in der Nähe politischer Tagungslokale wie Bundes-, Landes oder sogar Stadtparlamenten nimmt die Spargel-Dichte in Deutschland erschreckend zu. Bisher hat sich noch niemand gewehrt, weil die meisten Menschen sie für die ersten sichtbaren Zeichen der Energiewende halten. Doch es sind keine Windräder, die da in ganz Deutschland den Horizont vergittern. Es sind Masten, auf denen demnächst Ausguck-Körbe montiert werden. Der erste Dreimaster ist vor dem Göppinger Rathaus schon zu erkennen. In Ermangelung richtiger See hat man auf die Segelschiffe drum herum verzichtet und sich stattdessen auf das Wesentliche beschränkt.

Das geschieht alles nur, weil zu Tode erschrockene Politiker in luftiger Höhe nach Piraten Ausschau halten wollen. Noch wurde kaum einer gesichtet, aber mit jedem Tag wird die Wahrscheinlichkeit - jüngsten Umfragen zufolge liegt sie bei über zehn Prozent - größer, dass die gemeinen Freibeuter - heran getragen von einer riesigen Empörungswelle ("Shitstorm") - den etablierten Banden samt allen Urheberrechten auch noch die Stimmen klauen. Verstummt ist deswegen (noch?) niemand. Im Gegenteil: Die verzweifelten Rufe der im weltweiten Netz zappelnden Politiker werden immer lauter. Unlängst hat sich ein aufrechter Freidemokrat mannhaft gegen die "Tyrannei der Masse" zur Wehr gesetzt, wobei das Wort Masse bei seinem Haufen etwas überrascht. Jedenfalls konnte er das Entern nicht verhindern. Wilde Männer ohne Eigenschaften haben ihn von den Planken gespült. Seitdem lastet der Fluch der Karibik auf ihm wie auf allen anderen, die sich vergeblich den genau so furcht- wie programmlosen Freibeutern der Datenmeere entgegenstellen.

Die Piraten schrecken vor keiner gemeinen Abstimmung zurück. Mit verheerenden Folgen: Die Parlamente in Berlin und im Saarland haben sie schon gekapert. Wer weiß, was noch kommt? Schleswig Holstein vielleicht? Die hissen die Totenkopf-Flagge auf ihren Schiffen, überspringen mit wildem Geschrei die Fünf-Prozent-Hürde und schon sind sie drin. Mit schweren Laptops bewaffnet schonen sie weder Maus noch Mann. Sogar der rote Korsar soll angesichts der zu allem entschlossenen Übermacht von Bord gegangen sein. Einzig die Seeräuber-Angie mit ihrer schwarz-gelben Berliner Truppe will Widerstand leisten. Die Bundeswehr wird Piraten aus Somalia künftig auch im Landesinneren verfolgen. Auf einem schmalen Küstenstreifen sollen sogar Luftangriffe möglich sein.

Das finden wir dann doch etwas übertrieben.