Göppingen Jeder trägt Mitverantwortung

Harald Petermann warnt vor Finanzinvestitionen in Agrarland. Damit steige bei der örtlichen Bevölkerung die Gefahr von Hungersnöten.
Harald Petermann warnt vor Finanzinvestitionen in Agrarland. Damit steige bei der örtlichen Bevölkerung die Gefahr von Hungersnöten. © Foto: Margit Haas
MARGIT HAAS 11.10.2014
"Was macht meine Pensionskasse in Lateinamerika?" Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Nachfragen könnte man aber auf jeden Fall - meint Harald Petermann von der Menschenrechtsorganisation FIAN.

Fair einkaufen, für Entwicklungsprojekte spenden - und womöglich gleichzeitig den Lebensraum genau der Menschen zerstören, denen man helfen will? Diese bittere Erkenntnis nahmen die Besucher mit nach Hause, die auf Einladung des Weltladen Göppingen der Frage "Was macht meine Pensionskasse in Lateinamerika?" im Rahmen der Interkulturellen Woche nachgegangen waren. Sie ist nicht einfach, vielleicht gar nicht zu beantworten - so die Erfahrung von Harald Petermann von Food First Informations- und Aktionsnetzwerk (FIAN).

Der Menschenrechtler hatte bei seiner Kasse nachgefragt, dort aber keine befriedigende Auskunft bekommen. Denn "sobald das Geld im Ausland ist, besteht keine Auskunftspflicht mehr". Petermann erläuterte, dass sich seine Organisation ausschließlich des Menschenrechts auf Nahrung annimmt. Immer wieder habe die UNO sich damit befasst. Aber auch die Bundesrepublik habe nicht alle Regelungen anerkannt, geschweige denn umgesetzt.

Die Ursachen für Hungersnöte sind nach Ansicht des Referenten vielfältig, haben mit dem Klimawandel zu tun, aber auch der Liberalisierung der Weltmärkte, "die Kleinbauern sind unseren subventionierten Agrarexporten hilflos ausliefert". Auch Konzentrationen auf dem Weltagrarmarkt sind ein Grund. Aber eben auch die Pensionskassen oder Lebensversicherer tragen Verantwortung für eine Entwicklung, deren Ende nicht absehbar ist. Denn "nach Schätzungen der Weltbank wird derzeit über 30 Prozent der bebaubaren Flächen verhandelt". Müssen doch Fonds und Versicherer ihren Kunden Mindestrenditen garantieren. Seit der Bankenkrise tun sie sich damit aber schwer. Bei der Suche nach Anlagemöglichkeiten für die riesigen Geldmengen wurden sie auf dem Agrarmarkt fündig - einem Markt, der bereits seit der Jahrtausendwende von finanzkräftigen Staaten beeinflusst werde.

"Die Renditen haben sich innerhalb von zehn Jahren verdreifacht", behauptet Petermann. Unter der zynischen Annahme, dass die Weltbevölkerung weiter wachsen werde, die Nachfrage nach Lebensmitteln in den Schwellenländer steigen und die Konkurrenz mit Biokraftstoffen und Futtermitteln die Lebensmittelpreise weiter steigen lassen werde, seien also auch in Zukunft fette Renditen gesichert. Beispielhaft zeigte der Referent, wie sich dieser Landhunger auf die Kleinbauern, auf die indigenen Völker auswirke. Er betonte, dass auch unser ungehemmter Fleischkonsum dazu führe, dass große Flächen nur noch für die Produktion von Tierfutter genutzt werden.

"Die Konzerne haben den längeren Atem", sagt Petermann. Wer etwas ändern wolle, könne aber das eigene Konsumverhalten verändern. Und vielleicht dazu bereit sein, auf das eine oder andere Prozent Rendite zu verzichten.

Elf Prozent müssen hungern

Hunger Nach Angaben der Welternährungsorganisation hungern elf Prozent der Weltbevölkerung. 80 Prozent davon sind Kleinbauern, Kleinfischer und Hirten. In Zentralafrika stieg die Zahl der Menschen ohne ausreichende Ernährung innerhalb der vergangenen 25 Jahre von 176 auf 214 Millionen an.

Online Weitere Informationen unter www.fian.de

SWP