Psyche Jakob-von-Hoddis-Haus: Leben selbst bestimmen

Dr. Gerhard Kolb, der Vorsitzende von „Viadukt“, freute sich mit den Gästen über die erfolgreiche Arbeit und den zehnten Geburtstag des Wohnheimes für Menschen mit psychischen Erkrankungen.
Dr. Gerhard Kolb, der Vorsitzende von „Viadukt“, freute sich mit den Gästen über die erfolgreiche Arbeit und den zehnten Geburtstag des Wohnheimes für Menschen mit psychischen Erkrankungen. © Foto: Margit Haas
Göppingen / MARGIT HAAS 13.10.2016

Jakob van Hoddis als bekanntester Vertreter des lyrischen Expressionismus stand Pate, als vor zehn Jahren in Göppingens Osten der Verein „Viadukt – Hilfen für psychisch Kranke“ sein Wohnheim einweihte. Van Hoddis war – wie die Bewohner des Hauses – „ver - rückt“, aus der Norm gefallen, auf besondere Begleitung angewiesen. Als „Jude, Expressionist und psychisch Kranker wurde er Opfer der NS-Rassenideologie und im Vernichtungslager Sobibór ermordet“, erinnerte Rolf Brüggemann anlässlich des zehnten Geburtstags des Jakob-van-Hoddis-Hauses und regte an, eine Straße nach ihm zu benennen.

Den runden Geburtstag feierten Bewohner und Gäste gemeinsam „am Welttag für seelische Gesundheit“, so  Dr. Gerhard Kolb, der Vorsitzende von „Viadukt“. „Die engagierten und motivierten Mitarbeiter ermöglichen es den Bewohnern, ein möglichst selbstbestimmtes Leben außerhalb von Institutionen zu leben“. Die Bundestagsabgeordnete Heike Baehrens betonte, dass sich das Haus „inmitten der Gesellschaft“ befinde, die Menschen „Teil der Gemeinschaft sind“.

Oberbürgermeister Guido Till bestätigte: „Hier wird Eingliederung und Integration ohne viel Aufhebens gelebt“. Rudolf Dangelmayr als Vertreter des Landkreises spürt, „dass sich die Menschen hier wohlfühlen“ und freut sich an der „vertrauensvollen und professionellen Zusammenarbeit“. Jutta Kraus und Elisabeth Killermann, die beiden Geschäftsführerinnen des Vereins, stellten das Konzept des Hauses, in dem 24 Menschen auf dem Weg zu einer weitgehend selbstbestimmten Lebenswelt begleitet werden, vor. In lockerer Gesprächsrunde zeigten Dr. Klaus Obert, Leiter des Bereichs Sucht- und Sozialpsychiatrische Hilfen beim Caritasverband Stuttgart, und Professor Dr. Ingmar Steinhart vom Institut für Sozialpsychiatrie Mecklenburg-Vorpommern der Uni Greifswald die Entwicklung der Sozialpsychiatrie in vergangenen Jahrzehnten und die Perspektiven für die Zukunft auf. Deutlich wurde dabei, dass ambulante Angebote stationären vorzuziehen sind und dass sich „Anbieter  mehr politisch ein- und auch mitmischen müssen“.

Psychosoziale Hilfe für kranke Menschen

Gründung: 1979 wurde der Förderverein für psychosoziale Hilfe Göppingen mit dem Ziel gegründet, chronisch psychisch Kranke und schwerbehinderte Menschen im Alltags- und Arbeitsleben zu begleiten.

Neuer Name: 2002 wurde der Verein in „Viadukt – Hilfen für psychisch Kranke“ umbenannt. Er hat ein breit gefächertes und qualifiziertes Leistungsspektrum entwickelt und begleitet Menschen in unterschiedlichen Wohnformen im gesamten Landkreis.

Das bekannteste Gedicht des Lyrischen Expressionisten Jakob-van-Hoddis ist „Weltende“:

Dem Bürger fliegt vom spitzen Kopf der Hut,
In allen Lüften hallt es wie Geschrei,

Dachdecker stürzen ab und gehn entzwei

Und an den Küsten – liest man – steigt die Flut.

Der Sturm ist da, die wilden Meere hupfen

An Land, um dicke Dämme zu zerdrücken.

Die meisten Menschen haben einen Schnupfen.

Die Eisenbahnen fallen von den Brücken.

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