Empfinden Sie Angst nach den jüngsten Terroranschlägen in Paris?

DR. MARKUS LÖBLE: Ich habe Angst vor Krieg und ich habe Angst vor Eskalation. Ich habe im Moment keine Angst davor, dass hier morgen eine Bombe hochgehen könnte. Ich habe Angst davor, dass die Schranken der Zivilisation fallen und davor, dass den Mächtigen nichts anderes einfällt als Krieg.

DR. NIKLAS GEBELE: Auch ich habe Angst vor Eskalation und dem Krieg, der daraus - in welcher Form auch immer - entstehen kann. Ich spüre momentan keine Angst um mich persönlich. Zwar begreife ich logisch, dass der Anschlag in Paris genauso gut auch hier hätte stattfinden können, aber für mein Gefühl ist es weiter weg.

Was bewirkt der Terror, der offenbar immer näher rückt?

LÖBLE: Kürzlich hatte ich das schöne Erleben, dass etwa 100 Schülervertreter zusammen kamen und sagten: ,Wir wollen solidarisch sein mit den Menschen, die genau diesen Terror, wie in Paris, in Syrien erlebt haben und hier her fliehen, um davor sicher zu sein.' Dieser Terror kann zum maximal schlimmstem führen, aber es gibt auch viel Gutes, das sich dagegen stellt. Terror basiert immer auf die Anderen' und nun stellen Sie sich vor: die Anderen' sind Menschen. Neulich fand ein Fußballspiel statt, junge Einheimische' gegen die Flüchtlinge' - das war eine echte Begegnung. Die haben trotz ihrer Vorbehalte zusammen Fußball gespielt, die gehen ganz sicher nicht aufeinander los. Da wurden aus den Anderen' plötzlich Menschen, ganz einfach Fußballspieler.

GEBELE: Das lässt sich ein Stück weit verallgemeinern: Angst entsteht aus Bedrohung, aber auch daraus, dass man die eigenen Handlungsmöglichkeiten, die dagegen stehen, geringer einschätzt. Terror lässt Angst daraus entstehen, dass sich der Einzelne diesem unberechenbaren und grausamen Vorgehen gegenüber völlig machtlos fühlt. Die Angst davor, dass es auch einen selbst treffen könnte, ist da, mit ihr müssen wir leben. Aber man kann dieser Angst etwas entgegensetzen: Die Erfahrung und das Gefühl aktiv sein zu können, Einfluss nehmen zu können. Im kleineren Rahmen machen viele Menschen die Erfahrung, dass sie Einfluss haben, dass sie handeln und dadurch etwas bewirken können, beispielsweise, wenn sie sich für Flüchtlinge engagieren. In ihrem Helfen erleben sie: ,Diese Menschen greifen mich nicht an.' Das nimmt zwar nicht die Angst vor der terroristischen Bedrohung, führt aber dazu, dass man im Alltag weniger in Angst leben muss und dass man der Furcht mehr entgegen zu setzen hat.

Was kann es mit uns machen, wenn wir täglich über alle Medien von Kriegen und Grausamkeiten erfahren - stumpfen wir ab?

GEBELE: Wir erleben ja gerade bei den Anschlägen von Paris, dass uns Gewohnheit oder Resignation die Angst nicht vom Leib halten können. Es geht uns allen doch schon sehr nahe.

LÖBLE: Menschen sind so vielfältig: Vielleicht greift bei manchen tatsächlich eine Art Gewöhnungseffekt, der alles erträglicher scheinen lässt, andere blenden solche Nachrichten einfach aus, oder es eskaliert etwas, bei wieder anderen kommt ganz viel Positives hervor, sie helfen, engagieren und solidarisieren sich.

GEBELE: Die andauernde Konfrontation mit Schrecklichem fordert in jedem Fall, dass wir Strategien entwickeln, wie wir damit umgehen. Wir haben Angst vor Dingen, die wir schlecht verstehen, die uns unlogisch erscheinen. Das birgt die Gefahr von sehr vereinfachenden Lösungen. Es bilden sich Gruppen, schnell ist man dabei, die Welt in Gute und Böse einzuteilen. Wir sollten darauf hinarbeiten, uns zu beruhigen, indem wir mehr verstehen und nicht dadurch, dass wir nur Schwarz und Weiß sehen.

Viele verspüren ganz aktuell Angst - was raten Sie?

LÖBLE: Reden. Ich meine mit anderen Menschen reden, nicht mit Netzwerken kommunizieren. Soziale Netzwerke sind in diesem Fall eine Echobox zur Schaffung sozialer Dummheit. Das Dumme antwortet auf Dummes, dadurch wird Furcht multipliziert. Gerade wenn die Kommunikation über Netzwerke von Furcht getrieben ist, wird sie zum Gegenteil von miteinander reden. In den Netzwerken findet jemand der Angst hat, keinen Austausch sondern die eingebrachten Ängste schaukeln sich hoch, ein Mob entsteht, der Angst-Mob. Ich empfehle mit verschiedenen Leuten zu reden, mit meiner Mutter, meinem Freund, mit meinen Kindern, mit einem christlichen Bekannten und einem atheistischen Kollegen. So entstehen komplexe Antworten auf komplexe Fragen. Dazu kann natürlich auch gemeinsames Trauern gehören. Es mindert das Gefühl von Ohnmacht und Hilflosigkeit, wenn man die Energie erlebt, die beispielsweise bei einem gemeinsamen Friedensgebet entsteht.

GEBELE: Es macht einen großen Unterschied für meine Wahrnehmung, ob ich alleine mit meiner Angst vorm Computer sitze und dabei auf andere treffe, die ihrerseits alleine mit ihrer Angst sind oder ob ich mich mit Menschen, die mir nahe sind, austausche, über das rede, was mich verunsichert und höre, wie sie damit umgehen. Die Bedrohung ist dadurch nicht verschwunden, aber mein Blick darauf ist ein anderer.

Wie können Eltern ihre Kinder durch die Schreckensmeldungen begleiten?

GEBELE: In gar keinem Fall sollten Erwachsene ihr Bedrohungserleben auf ihre Kinder übertragen, indem sie beispielsweise den Kontakt zu Kindern mit muslimischem Hintergrund verbieten. Stellen Sie sich das Lebensgefühl eines Kindes vor, das vor der Hälfte seiner Klassenkammeraden Angst hat. Gerade weil hundertprozentiger Schutz und hundertprozentige Kontrolle Illusion ist, sollten Eltern ihren Kindern vorleben, wie man Gefühlen von Angst und Trauer begegnet.

Darüber haben wir ja eben gesprochen.

LÖBLE: Niemand kennt uns so gut wie unsere Kinder. Sie merken sofort, wenn wir nicht ehrlich, nicht authentisch sind. Es hat keinen Sinn, Kindern etwas vorzumachen, ihnen gar vorschnelle, womöglich rassistische Lösungen anzutragen, die sie nur noch tiefer in Unsicherheit stürzen. Man braucht Kindern sicher nicht alles zu sagen, aber in jedem Fall sollte es echt und ehrlich sein.

Es gibt auch bei uns junge Menschen, die sich in die eine oder andere Richtung radikalisieren - Wie können Freunde und Verwandte darauf reagieren?

LÖBLE: Reden. Reden und in Beziehung bleiben, auch wenn der Junge in Springerstiefeln nach Hause kommt oder das Mädchen sich plötzlich tief verschleiert.

Und wenn reden nicht mehr möglich ist?

LÖBLE: In Beziehung bleiben, in Kontakt bleiben, nicht akzeptieren, dass sich der Junge ausklinkt. Auch Eltern können gewaltlosen Widerstand leisten. ,Ich bleibe hier bei dir. Aller Hass, den Du auf mir ablegst, bringt mich nicht dazu, mich von Dir abzuwenden.' Dass das leichter gesagt ist als getan, ist mir klar.

GEBELE: Reden ist auch deswegen wichtig, weil der Grund für die Radikalisierung der überwiegend jungen Männer oft ist, dass sie sich in einer Phase befinden, in der sie auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt sehr verwundbar sind. Die Erfahrungen, ob ich Einfluss nehmen kann oder ob ich eher jemand bin, der kontrolliert wird, sind noch im Prozess. Je mehr ich verunsichert bin, desto größer ist die Gefahr für mich, die von vermeintlich einfachen Lösungen ausgeht. Je mehr Reden und Austausch zwischen Menschen stattfindet, desto schwerer haben es die einfachen Lösungen in Schwarz und Weiß.

Zur Person 

Markus Löble ist Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Arzt für Naturheilkunde, Suchtmedizin und systemische Familientherapie (DGSF) sowie Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Christophsbad. Er ist in Sindelfingen geboren und aufgewachsen, hat in Tübingen Medizin studiert, lebt in Kirchheim, ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Niklas Gebele (33) ist Diplompschologe und psychologischer Psychotherapeut. Er leitet die Ambulanz für Kinder- und Jugendpsychiatrie im Christophsbad. Gebele ist verheiratet und lebt in Göppingen.